Am 17.3. zeigt das Kinoptikum

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Fr. 18:00
THE BANSHEES OF INISHERIN  OmU
IRL/USA/GB 2022, 109 Min.
Regie: Martin McDonagh
mit Colin Farrell, Brendan Gleeson, Kerry Condon
Die rabenschwarze Groteske vom jähen Ende einer Freundschaft - ganz großes Kino in hingetupften Bildern
Trailer zu THE BANSHEES OF INISHERIN
Weiterlesen... Auf einer kleinen, irischen Insel passiert das Undenkbare: Colm macht seine Tür nicht auf! Und das, obwohl er zu Hause ist und sein bester Freund klopft. Aus dieser ungeheuerlichen Kleinigkeit spinnt Regisseur Martin McDonagh eine eigenwillige Tragikomödie, die ihn nicht nur mit seinen Stars aus „Brügge sehen… und sterben?“ (2008) vereint, sondern auch zu seinen Wurzeln als Theaterautor zurückführt.
Wir schreiben das Jahr 1923 und der irische Bürgerkrieg wütet. Ein Land in Aufruhr, am Scheideweg der Geschichte. In The Banshees of Inisherin werden wir davon nichts sehen, außer ein paar Rauchwölkchen am Horizont, wenn der Wind ungünstig steht. Die Weltgeschichte tobt sich jenseits des Inselchens Inisherin aus und ist nur eine Fußnote in der vergleichsweise unbedeutenden Begebenheit, die sich dort abspielt: Pádraic (Colin Farrell) will seinen besten Freund Colm (Brendan Gleeson) wie jeden Tag mit in den Pub nehmen, aber der hat keine Lust darauf. Der Grund dafür: „I just don’t like you no more.“
Der Film trägt unverkennbar die Handschrift seines Regisseurs Martin McDonagh: Eine gehörige Prise schwarzer Humor würzt eine Geschichte über Schuld, Vergebung und persönliche Fegefeuer. Meisterhaft dirigiert er ein großes Figurenensemble, in dessen Zentrum seine alten Weggefährten Colin Farrell und Brendan Gleeson hervorragende Leistungen abliefern. Eine weitere Lieblingsperformance bietet Kerry Condo, die mit Schlagfertigkeit und Verstand gegen den Wahnsinn auf der Insel kämpft. Doch auch der Rest des Ensembles sorgt dafür, dass die Geschichte ihre Stimmung halten kann: Von tragenden Nebenrollen bis hin zur täglichen Pubgesellschaft scheint hier jede Figur zu leben und zu atmen.
Wie in früheren Werken spielt neben den Personen auch der Schauplatz eine Hauptrollte: Damals waren es Brügge (Brügge sehen… und sterben?), Los Angeles (7 Psychos) und Ebbing (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri), dieses Mal ist es Inisherin. McDonagh kehrt mit diesem Setting zu seinen Ursprüngen zurück, denn bevor er ins Filmgeschäft einstieg, war er Theaterautor und verfasste bereits Stücke über die beiden anderen Aran-Inseln vor der irischen Küste. Eine Trilogie, die nun mehr als 20 Jahre später eine filmische Vollendung findet. Die Leinwand bot für ihn stets die Gelegenheit, seine Spielorte prägnant in Szene zu setzen – und auch dieses Mal schwelgt er in ästhetischen Bildern: Fast geisterhaft schwebt die Kamera zu Beginn des Films aus einer Wolkendecke über grüne Felder, steinige Klippen und das aufgewühlte Meer, während folkloristische Musik die Szenerie untermalt. Wie in früheren Werken beschwört McDonagh verspielt eine nostalgische Märchenwelt herauf, ein ideales Abziehbild eines wirklichen Ortes, um sie dann genüsslich zu demontieren.
Diese Demontage kann zuweilen an die Nieren gehen, denn recht früh wird klar, dass die Inselbewohner von einer winzigen Apokalypse zur nächsten stolpern. Nachdem das erste Mal Blut fließt, mischt sich ein Suspense-Film in die komödiantische Prämisse: Die unbeholfene Liebeserklärung am See könnte mit einem herzlichen Lacher oder einer Leiche enden, der lange Blick auf den Haushund ist vielleicht sein Todesurteil oder nur der Auftakt zum Gassigehen. In den Momenten, in denen die letzte Wendung einer Szene klar wird, fällt einem entweder ein Stein vom Herzen oder selbiger mit Wucht auf den Kopf. Diese Dramatik verstärkt sich durch die ständige Repetition der Geschichte, in der Figuren immer wieder die gleichen Fehler begehen und permanent gegen Wände laufen. Ist eine Situation glimpflich ausgegangen, passiert schon bald etwas Ähnliches und könnte in einer Katastrophe enden.
Obwohl dieser Erzähltakt an manchen Stellen bewusst die Story zum Stillstand bringt, bleibt die sture Hartnäckigkeit der Figuren nachvollziehbar, denn im irischen Inselkosmos scheinen selbst die simpelsten Dinge unerreichbar: eine Partnerin für Dorftrottel Dominic, ein Platz am Kamin für den Esel Jenny, ein guter Freund für Pádraic. Einzig Colm hat größte Ambitionen und träumt davon, seine Komposition von Banshees of Inisherin zu vollenden.
Aber vielleicht ist nicht einmal das die ganze Wahrheit. Möglicherweise ist die Situation eine Allegorie auf den Bürgerkrieg, vielleicht treiben tatsächlich Geister aus der irischen Mythologie ihr Unwesen auf Inisherin oder aber die Menschen (und Esel) sind derart verirrt im Leben, dass sie selbst nicht wissen, was sie wollen. Anstatt klare Motivationen und Figurenbögen zu bieten, wird hier etwas urtümlicheres, etwas verzwickteres abgeliefert, kein Bogen, sondern eher ein Figuren-Rorschachtest, dem es gelingt in fast allen Momenten sowohl die Spannung zu halten, als auch in regelmäßigen Abständen gehörige Lacher zu produzieren. Die Reise nach Inisherin wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet und das ist eine sehr gute Entscheidung.
Ein wiederkehrendes Thema im Film ist die Frage, ob das eigene Leben Großartiges erschaffen muss, oder ob es nicht völlig ausreicht, wenn man sich mit seiner Banalität zufriedengibt. McDonagh scheint als Antwort auf diese Frage einen Mittelweg gefunden zu haben und bettet in seine triviale Erzählung Momente der Großartigkeit ein, die eine explosive Mischung verursachen. Banshees of Inisherin wirkt zwar eine Nummer kleiner als seine früheren Werke, aber zieht genau hieraus seinen Charme und besticht durch leise Zwischentöne, clevere Charakterkonstellationen und nicht zuletzt durch subtile Mehrdeutigkeit. In McDonaghs übersichtlichem Film-Œuvre kann sich dieser Film vielleicht nicht ganz an die Spitze kämpfen – dafür machen Brügge und Three Billboards ihre Sache zu gut –, aber wer bereit ist, für jeden Witz auch eine Wunde in Kauf zu nehmen und sich noch Tage später in einem gemütlichen Pub ein paar Gedanken machen will, hat ein echtes Filmerlebnis in Aussicht. Möglicherweise ist die schrullige Farce über Freundschaft und geschlossene Türen wahrhaftiger und irischer, als es ein Schlachtenepos über den Bürgerkrieg je sein könnte. (kino-zeit.de)
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Fr. 20:30
HOLY SPIDER
DK/D/S 2022, 117 Min.
Regie: Ali Abbasi
mit Zar Amir Ebrahimi, Mehdi Bajestani, Arash Ashtiani
Ein nervenaufreibender Thriller aus der Schattenwelt der iranischen Gesellschaft - unter dem Joch des Patriarchats
Trailer zu HOLY SPIDER
Weiterlesen... Die Stadt Mashhad gilt als eine der sieben heiligen Stätten und ist wegen des Grabes des achten schiitischen Imams, das dort liegt, eine der millionenfach besuchten Pilgerstätten des schiitischen Islam. In dieser von tiefer Frömmigkeit geprägten Metropole mit rund 3 Mio. Einwohnern ereignete sich zu Beginn des neuen Jahrtausends eine bereits mehrfach medial aufgearbeitete Mordserie an jungen Frauen, die als Prostituierte arbeiteten. Der sogenannte Spinnenmörder entpuppte sich schlussendlich als religiöser Fanatiker, der die Straßen der heiligen Stadt reinigen wollte.
Aus diesem Stoff, der seine zusätzliche Brisanz durch seine religiöse Komponente in einem klerikal geführten Staat und sein schonungsloses Offenlegen der desolaten Lage von Frauen vor allem aus den unteren sozialen Schichten gewann, hat der schwedische Regisseur Ali Abbasi (Border) einen spannenden Thriller gedreht, der die Ereignisse rekapituliert und gleichzeitig ein facettenreiches Bild des Lebens im Iran zeichnet.
Dabei gehört es zu den bemerkenswerten Wendungen des Films, dass es ausgerechnet eine Frau ist, die schließlich dem Mörder auf die Spur kommt?—?und das trotz aller Widrigkeiten. Gleich zu Beginn sehen wir die unverheiratete Journalistin Rahimi (Zar Amir-Ebrahimi), die neu in Mashhad ankommt und bereits bei etwas scheinbar Normalem, dem Buchen eines Hotelzimmers als Alleinstehende scheitert, bis es ihr schließlich doch mit Hinweis auf ihren Beruf gelingt. Es ist nicht das einzige Hindernis, das ihr auf der Suche nach der Wahrheit begegnen wird– und doch erscheinen diese Schwierigkeiten als vergleichsweise gering gegenüber dem alltäglichen Überlebenskampf ihrer Geschlechtsgenossinnen, die gezwungen sind, sich auf den Straßen der Stadt zu prostituieren, um sich und ihren Familien den Lebensunterhalt zu sichern. Denn für sie interessiert sich niemand, die Polizei schon gar nicht. Und je länger der Film andauert, desto mehr gewinnt man den Eindruck, dass zumindest Teile der Bevölkerung mit dem Mörder sympathisieren. Und man kann durchaus vermuten, dass dies teilweise die gleichen Männer sind, die im Dunkel der Nacht die Dienste der Prostituierten in Anspruch nehmen.
In Rahimi, die aufgrund sexueller Belästigung durch ihren früheren Chefredakteur aus einem alten Job geflogen ist (ein weiterer Beleg für die doppelte Sexualmoral) und deshalb als Freelancerin arbeitet, finden die Opfer und mit ihnen alle sozial unterprivilegierten Frauen eine hartnäckige Streiterin gegen das Unrecht und das Desinteresse der Behörden. Beharrlich und unter Einsatz ihres Lebens, das sie schließlich als vermeintliche Prostituierte in die Wohnung des Mörders bringt, gelingt ihr mithilfe eines Kollegen die Enttarnung des Mörders Saeed (Mehdi Bajestani), die am Ende zu dessen Hinrichtung führt.
Ali Abbasi inszeniert diesen Thriller angenehm effektiv und mit genauem Blick für die sozialen Realitäten der Zeit und des Ortes. Von Anfang an führt er die Geschichte des Mörders und der Journalistin parallel, sodass nie die Frage im Mittelpunkt steht, wer denn der Spinnenmörder sei, sondern alles auf die Begegnung und Konfrontation zwischen den beiden zusteuert. Wie Rahimi selbst, so schaut auch der Film ohne jegliche Idealisierung oder Sexualisierung auf die Opfer und das perverse System, in dem sie leben?—?nicht en détail, aber doch so genau, dass ein fragmentarisches Bild der Opfer entsteht, das viel erzählt über die sozialen und Machtverhältnisse in einem Gottesstaat islamischer Prägung.
Neben dem Cast und der wunderbaren Kameraarbeit beeindruckt vor allem der sparsam eingesetzte Soundtrack, die genau an den richtigen Stellen dissonant anschwellend Akzente setzt und enorm druckvolle Spannung erzeugt. (kino-zeit.de)
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