Am 2.2. zeigt das Kinoptikum

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Do. 18:00
DIE STILLEN TRABANTEN
D 2022, 101 Min.
Regie: Thomas Stuber
mit Martina Gedeck, Nastassja Kinski, Albrecht Schuch, Charly Hübner
Drei Geschichten und Begegnungen in der Stille der Nacht - eine zauberhafte Großstadtballade, leise um das Leben kreisend
Trailer zu DIE STILLEN TRABANTEN
Weiterlesen... Da gibt es einen Security-Mann vor dem Zaun des Flüchtlingsheims, der sich in ein ukrainisches Mädchen hinter dem Zaun verliebt; oder eine Reinigungskraft, die in der Bahnhofskneipe eine Friseurin mit Spätschicht trifft; und schließlich einen Imbissbetreiber, der beim Rauchen auf dem Etagenbalkon die verheiratete Muslima von nebenan kennenlernt. Alle diese sechs Menschen haben eines gemeinsam: Es ist die Nacht, die sie umhüllt und beschützt, mutiger macht und zusammenführt. Entweder arbeiten sie nachts, so wie die Zugreinigerin Christa, der Wachmann Erik oder Jens vom Schnellimbiss, oder sie fühlen sich in der Dunkelheit weniger einsam, so wie das Flüchtlingsmädchen Marika, die Friseurin Birgitt mit ihrem Piccolöchen oder Aischa, die Nachbarin im Plattenbau. Sie alle hatten einmal große Träume, von denen nicht mehr viel übriggeblieben ist. Ihre Aussichten für die Zukunft sind eher bescheiden und ihre Möglichkeiten eher begrenzt, doch sie haben die Hoffnung auf ein kleines bisschen Liebe, auf Geborgenheit und einen Moment des Glücks noch nicht komplett aufgegeben. Wie Schiffe, die sich nachts begegnen, driften sie aufeinander zu. Drei Geschichten über drei mal zwei Menschen, die von der Einsamkeit in der Großstadt handeln und vom Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen.
Abgesehen davon, dass es immer mal wieder erfrischend ist, ganz normale Menschen in einem deutschen Film zu sehen, die weder besonders begütert noch besonders gebildet sind, bietet dieser zärtlich lakonische Großstadtfilm über Sehnsüchte und die Suche nach Nähe noch eine ganze Reihe weiterer Sensationen: Da ist das Setting – alle drei Geschichten spielen nachts und laufen parallel, ohne eine Verbindung zwischen den drei Paaren, was den Eindruck von Anonymität und Isolation noch verstärkt. Da ist aber vor allem der Cast: die erste Garde der deutschen Film- und Theaterstars, allesamt große Charakterdarsteller. Es ist ein Hochgenuss zu erleben, wie sie spielen und was sie aus ihren Rollen machen. Alle sind brillant, aber Martina Gedeck als Zugreinigerin in Jobnöten und Nastassja Kinski als Friseurin sind vielleicht doch noch ein klitzekleines bisschen großartiger, aber natürlich auch Charly Hübner als verliebter Wachschützer oder Albrecht Schuch, Peter Kurth, Lilith Stangenberg ... insgesamt eine tolle Ensembleleistung. Thomas Stuber (IN DEN GÄNGEN) schrieb das Drehbuch wieder mit Clemens Meyer, der auch hier die literarische Vorlage lieferte. Sie zeigen diese sechs Schicksale als Persönlichkeiten, die alles andere als auffällig sind. Eher leise als laut, eher genügsam als anspruchsvoll, mit einem sehr zurückhaltenden Humor, der so realistisch und liebenswert ist wie das Leben, von dessen merkwürdige Entwicklungen und Kapriolen der Schriftsteller Clemens Meyer so meisterlich zu erzählen weiß. Peter Matjasko liefert dazu ebenso wie IN DEN GÄNGEN die atmosphärischen Bilder – ihr Film ist ein großartiges Beispiel dafür, wie aus scheinbar kleinen, unbedeutenden Geschichten die pure Alltagspoesie erwächst: berührende Porträts von Menschen, die im Schutz der Nacht vom Glück träumen – ein Hauch von Großstadtromantik.
(programmkino.de)
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Do. 20:30
GUILLERMO DEL TORO'S PINOCCHIO  OmU
Cinema Obscure – USA 2022, 117 Min.
Regie: Guillermo del Toro, Mark Gustafson
Das "kleine Püppchen, freche Püppchen" in einer düsteren Stop-Motion Variation vom Meister des phantastischen Kinos
Trailer zu GUILLERMO DEL TORO'S PINOCCHIO
Weiterlesen... Die Holzfigur Pinocchio ist eine Erfindung des italienischen Autors Carlo Collodi. Bekannt wurde sie Anfang der 1880er Jahre durch kleine Fortsetzungsgeschichten in einer Wochenzeitung. Später wurde daraus ein Buch – und alsbald folgten diverse Adaptionen. Zu den populärsten dürfte der Disney-Animationsfilm aus dem Jahre 1940 gehören, der unter der Regie von Robert Zemeckis kürzlich ein Live-Action-Remake mit Tom Hanks in der Rolle des Holzschnitzers Geppetto bekam.
Nun folgt, zunächst in ausgewählten Kinos und ab dem 09. Dezember auf Netflix, mit Guillermo Del Toros Pinocchio ein weiteres Animationsabenteuer um die Holzpuppe und deren Ziehvater. Wie der Titel jedoch schon verdeutlicht, trägt das Werk ganz klar die Handschrift des mexikanischen Filmemachers Guillermo Del Toro (Jahrgang 1964), der sich im Laufe seiner Karriere als Virtuose auf dem Gebiet der Fantastik erwiesen hat. So lieferte der Regisseur etwa atmosphärische Horrorkost wie The Devil’s Backbone (2001), Fantasy-Action wie Hell Boy (2004), poetisch-politische Parabeln wie Pans Labyrinth (2006) und Shape of Water – Das Flüstern des Wassers (2017) sowie zuletzt die Film-noir-Hommage Nightmare Alley (2021). Dass seine Interpretation des Pinocchio-Stoffes wesentlich düsterer als die Disney-Version ausfällt, dürfe wohl kaum überraschen.
Tatsächlich beginnt der Film auf eine äußerst traurige Art und Weise: Der in bescheidenen Verhältnissen lebende Meister Geppetto (der in der Vorlage und auch bei Disney kinderlos ist) hat seinen zehnjährigen Sohn Carlo durch die Zerstörungen des Krieges verloren. Die Haupthandlung ist im faschistischen Italien der 1930er Jahre angesiedelt. In einem warmen Licht erhalten wir in einer Rückblende einen kurzen Einblick in die gemeinsame Zeit – wie der Vater dem Kind Gutenachtgeschichten vorgelesen und Lieder vorgesungen hat, in denen das Motiv der wachsenden Nase beim Erzählen von Lügen bereits etabliert wird. Als Geppetto nach vielen Jahren der Trauer im Zorn den Kiefernbaum neben Carlos Grab fällt, schnitzt er aus dem Holz eine Marionette in der Form eines Jungen – als offensichtlichen Ersatz für seinen toten Sohn.
Ein Waldgeist bewirkt, dass die Holzfigur zum Leben erwacht. Rasch richtet Pinocchio allerhand Chaos an und sorgt in der kleinen Gemeinde für Entsetzen, wird dort gar als „Dämon“, „Monster“ und „Ungetüm“ bezeichnet. In der Zeichnung des gesellschaftlich-politischen Umfeldes beweist Del Toro sein feines Gespür. Pinocchio und auch sein Ziehvater sind Außenseiter; zu einer der Bedrohungen des Films gehört der strenge Mussolini-Anhänger Podesta, der sowohl seinen eigenen Sohn als auch den arglosen Holzjungen zu Soldaten machen will. Während Schurken in animierten Werken häufig lächerlich-überspitzt dargestellt werden, ist Podesta (im Original mit der Stimme von Ron Perlman) eine sehr real erscheinende Gefahr. Und auch der deutlich exzentrischere Kirmesbetreiber Graf Volpe (gesprochen von Christoph Waltz) ist durchaus keine Witzfigur, sondern steht für Ausbeutung und Betrug.
Die Stop-Motion-Technik setzt Del Toro gekonnt ein, um einen in sich völlig stimmigen Kosmos zu schaffen. Die fantastischen Elemente – etwa wenn Pinocchio wiederholt in eine jenseitige Welt gerät, in der Hasen Karten spielen und eine Fee den Lauf der Zeit bewacht – werden überzeugend mit dem historischen Hintergrund verbunden. Die als Erzähler fungierende Grille Sebastian J. Crickett passt hier ebenso in das Geschehen wie das Seemonster, in dessen Inneren sich das Finale der Reise zuträgt. Wie schon das als Entwicklungsroman angelegte Buch von Collodi hat Guillermo Del Toros Pinocchio eine eher episodenhafte Struktur, die aber nie zerfasert. Letztlich geht es weniger darum, dass der Titelheld eine Lektion lernt und dadurch zum „richtigen“ Jungen wird – sondern dass er sich seine Unangepasstheit bewahrt, dass er die Dinge, die um ihn herum geschehen, hinterfragt und sich dabei auch für andere Unterdrückte einsetzt.
(kino-zeit.de)
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