Das Kinoptikum zeigt am 7.3.

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Sa. 15:30
FRITZI - EINE WENDEWUNDERGESCHICHTE
KinderKino – D/B/LUX/CZ 2018, 86 Min., Regie: Ralf Kukula, Matthias Bruhn
Deutsch-deutsche Geschichte als zauberhafter Zeichentrick.
Trailer zu FRITZI - EINE WENDEWUNDERGESCHICHTE
Weiterlesen... Im Sommer 1989 lebt die 12jährige Fritzi zusammen mit ihren Eltern in Leipzig. Auch wenn sie ein schlaues, aufgewecktes Mädchen ist, hat sie sich für die politischen Ereignisse in ihrem Land bislang noch nicht interessiert. Das ändert sich, als am Ende des Sommers ihre beste Freundin Sophie nicht aus dem Urlaub in Ungarn zurückkehrt. So bleibt Fritzi allein mit Sophies Hund Sputnik zurück und dem Wissen, dass Sophie und ihre Mutter wohl „rüber gemacht“ haben.

Als am 1. September wie in jedem Jahr in der DDR Schulanfang ist, verstärkt sich Fritzis ungutes Gefühl, zumal ihre neue Lehrerin, Frau Liesegang, eine treue Anhängerin des Regimes ist und kein gutes Haar an all den Menschen lässt, die im Herbst 89 ihr Land verlassen. Zum Glück für Fritzi gibt es jedoch auch einen neuen Mitschüler. Bela sticht allein schon mit seinen langen Haaren aus der Klasse heraus, ist kein Thälmann-Pionier und nimmt Fritzi bald mit in die Nikolaikirche, wo die Proteste gegen das Regime ihren Lauf nehmen.
Doch noch bevor die Mauer fällt versucht Fritzi in einer gewagten Aktion, den so genannten antikapitalistischen Schutzwall zu überwinden, um Sophie ihren geliebten Hund zurückzubringen.

Wer Hanna Schotts vor zehn Jahren, zum 20. Jubiläum des Mauerfalls, erschienenes Kinderbuch „Fritzi war hier“ kennt wird bei dieser Beschreibung stutzen: Denn dieser Teil der Handlung wurde von Drehbuchautorin Beate Völcker für die nun ins Kino kommende Adaption erfunden und sticht deutlich hervor. War das Buch, das auf den Berichten von drei Mädchen basierte, die im Herbst 1989 zehn Jahre alt waren der gelungene Versuch, die Wende aus der Perspektive von Kindern zu erzählen, versucht die filmische Adaption Fritzis Geschichte zu einer größeren Geschichte zu machen und eine Coming-of-Age Story zu erzählen.
Das ein Spielfilm nicht nur beobachtend sein kann, es nicht ausreichen könnte, historische Ereignisse aus Kinderperspektive zu zeigen, ist zwar einerseits verständlich, führt im Fall von „Fritzi - Eine Wendewundergeschichte“ jedoch zu nicht unproblematischen Verkürzungen. Mit allzu grobem Strich sind viele Figuren gezeichnet, die Anhänger des untergehenden Regimes Klischeehafte Antagonisten, Fritzis Fluchtversuch bis zu seinem Scheitern von großer Naivität geprägt, die Folgen für Fritzi und ihre Familie dann jedoch kaum der Rede wert.
Man könnte dies mit der kindlichen Perspektive entschuldigen, doch wirklich überzeugend sind diese Drehbucheinfälle nicht. Viel gelungener sind dagegen die zurückhaltenden Passagen in Leipzig, in denen Fritzi Teil der friedlichen Revolution wird, Regimegegner kennen lernt und an den Montagsdemonstrationen teilnimmt. Nicht zuletzt optisch überzeugen diese Momente, die im Stil den Aquarellbildern der Vorlage nachgeahmt sind, in denen Gerda Raidt die Stimmung des Herbst 89 einfing. Fast dokumentarisch wirken die Szenen in der Nikolaikirche oder auf dem Leipziger Marktplatz, bis ins Detail genau wirkt die Stadt nachgebildet und mit ihr die Atmosphäre, die vor 30 Jahren zur friedlichen Revolution führte. In diesen Passagen gelingt „Fritzi - Eine Wendewundergeschichte“ historische Ereignisse kindgerecht aufzubereiten und sowohl als Film zu überzeugen, wie als Ausgangspunkt für weiterführende Diskussionen. (programmkino.de)
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Sa. 18:30
DAS GEHEIME LEBEN DER BÄUME
MonatsDoku – D 2019, 96 Min., Regie: Jörg Adolph, Jan Haft
mit Peter Wohlleben
Das Portrait des baumlangen Waldhüters und Adaption seines Sachbuch-Bestsellers
Trailer zu DAS GEHEIME LEBEN DER BÄUME
Weiterlesen... Peter Wohllebens Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“, zeigte wie sich ein Massenpublikum von einem Buch zum Thema Wald begeistern lässt. Ihn nun auf der großen Leinwand zu erleben eröffnet einen weiteren, faszinierenden Zugang, um den Wald neu zu entdecken. Regisseur Jörg Adolph („Elternschule“) entführt den Zuschauer mit spektakulären Naturfilm-Sequenzen in die Welt des engagierten Ökoförsters aus der Eifel. Im Duktus des Märchens entwirft der humorvolle „Baumflüsterer“ das Bild eines bestens durchorganisierten sozialen Systems, in dem zwar einerseits das Recht des Stärkeren gilt, andererseits aber der Schwächere niemals allein gelassen, sondern aufgefangen und mitgetragen wird.
„Bäume sind keine Holzproduktionsmaschinen“,  so das Credo des Waldhüters.  „Es handelt sich um fühlende Wesen“. In Waldführungen und Lesungen bringt er den Menschen diese außergewöhnlichen Lebewesen näher. Denn was wir heute Wald nennen, ist, in seinen Augen, längst nur noch eine grüne Kulisse der Holzwirtschaft.  Beharrlich kämpft der Walddolmetscher und große Kommunikator für die Rückkehr des Buchen-Urwalds ohne schnell wachsende Fichtenplantagen. Nicht der Profit hat für ihn Priorität, sondern die Gesundheit der Natur. Und damit auch die der Menschen. Konkret heißt das zum Beispiel: Es gibt keine Kahlschläge mehr. Auch sollten Förster weitgehend auf Anpflanzungen verzichten sondern es der Natur überlassen, wo ein Baum wächst.
Die Zuschauer erleben wie er in Outdoorhose und festem Schuhwerk, drahtig schlank, mit 1,98 Meter Größe alle überragend,  nach Schweden reist zum ältesten Baum der Erde, der fast zehntausend Jahre alt ist. Danach Betriebe in Vancouver besucht, die einen neuen Ansatz im Umgang mit dem Wald wollen. Last but not least, schlägt er sich auf die Seite der Demonstranten im Hambacher Forst. Mit ihnen machte er sich gegen die Rodung stark. Informativ führt der studierte Forstwirt durch den Urwald der „Heiligen Hallen“ in Mecklenburg und erklärt dabei den Unterschied zur konventionellen Waldplantage.
Immer wieder beschwört der 56jährige ehemalige Rheinländer die Selbsterneuerungsfähigkeit des Waldes. Selbst bei niedergebrannten Waldflächen, wie in Treuenbrietzen, bildet das verkohlte Holz, seiner Meinung nach, einen idealen Humusgrund für einen Neuanfang. Faszinierende farbintensive Naturaufnahmen von Jan Haft („Das grüne Wunder“) visualisieren fesselnd seine Erklärungen. Besonders Zeitraffersequenzen, die den langsamen Entwicklungsprozess eines Baumes zeigen, prägen sich ein.
Regisseur Jörg Adolphs Dokumentation gelingt es auf einer Reise durch die Welt der Natur die Freude daran und das Staunen darüber zu vermitteln. Streckenweise erinnert er damit an die motivierenden Dokfilme wie Erwin Wagenhofers „But beautiful“. Zudem verblüffen die sensationellen Aufnahmen von Jan Haft. Und ganz im Sinne des Sachbuchautors Peter Wohlleben findet sich ein positiver Ausblick. Denn für ihn steht fest: „Der Wald kommt zurück“. Freilich merkt er noch nüchtern an: „Es wäre nur schön, wenn wir dann noch da sind“. (programmkino.de)
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Sa. 21:00
DIE WÜTENDEN  frz. OmU
Les Misérables – F 2019, 102 Min., Regie: Ladj Ly
mit Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djibril Zonga
J'accuse! Ein wuchtiges Pamphlet aus der tristen Realität der Pariser Banlieus
Trailer zu DIE WÜTENDEN
Weiterlesen... Es ist kein guter Tag für Stéphane Ruiz (Damien Bonnard), ganz und gar nicht. Der Polizist hat sich zu der Anti-Verbrechenseinheit in Montfermeil versetzen lassen. Ausgerechnet jener Ort im Pariser Großraum, wo 2005 die Unruhen in den Banlieues begannen. Als Kollegen bekommt er Chris (Alexis Manenti) und Gwada (Djibril Zonga) an die Seite gestellt. Im Fond ihres Dienstwagens sieht er das Viertel, in dem er von nun an für Ordnung sorgen soll. Chris erklärt ihm, wer hier für die Muslimbrüder rekrutiert, wer Haschisch vertickt und warum die Schule hier im Viertel „Victor Hugo“ heißt. „Weil der hier Les Misérables geschrieben hat“, wirft Stéphane ein und fügt hinzu: „Hat sich seitdem ja nicht viel geändert.“
Als Chris an einer Bushaltestelle seine Macht an drei Mädchen demonstrieren will, die Gras rauchen, geht Stéphane noch zaghaft dazwischen. Als die drei Polizisten wenig später mitten in ein Wortgefecht geraten, dass kurz vor der Gewalteskalation steht, ist auch dem neuen Cop klar, wie die Grenzen hier verlaufen. Die Anhänger des „Bürgermeisters“, eines Mannes, der im Stil eines Paten für Ordnung im Viertel sorgt, schreien sich mit den stiernackigen Roma-Männern eines Zirkusdirektors an. Erst als die drei Polizisten mit großem Getöse ein Gummigeschoss in die Luft feuern, verstummen die Schreie und es stellt sich heraus, dass ein Junge aus dem Viertel ein Löwenjunges gestohlen hat. Man will es zurück, sonst komme man in 24 Stunden mit Waffen wieder, sagt der muskelbeladene Zirkusdirektor. Chris sieht Chance seine Machtposition gegenüber beiden Gruppen weiter auszubauen und begibt sich mit seinen beiden Kollegen auf die Suche nach dem Löwenbaby. Als sie auf Instagram ein Foto eines Jungen mit Löwen im Arm entdecken und ihn aufsuchen, eskaliert die Situation komplett.
Regisseur Ladj Ly hat mit Les Misérables seinen ersten Langspielfilm einem Thema gewidmet, das ihn schon lange umtreibt. Er stammt selbst aus Clichy-Montfermeil. Im Alter von 25 Jahren hat er gemeinsam mit dem französischen Künstlerkollektiv Kourtrajmé den Dokumentarfilm 365 Jours à Clichy-Montfermeil gedreht (2007 auf DVD erschienen), in dem er sein Viertel während und nach der Ausschreitungen 2005 zeigte. Nun rollt er das Thema in der Fiktion noch einmal auf und muss sich dabei nicht vorwerfen lassen, dass ihm Distanz fehle. Ein Brennpunktgebiet in den Blick zu nehmen, in dem sich verschiedenste Kulturen treffen, in dem sämtliche soziale Konflikte vorhanden sind, kann schnell ins Klischee abrutschen oder zum Betroffenheitskitsch werden. Ly weicht beiden Fallen elegant aus, in dem er seine Figuren und ihre Konflikte ernstnimmt. Niemand ist hier nur gut oder nur böse. Auch der machtbesessene Chris ist nicht dumm, so sehr man seine machohafte Gewaltdemonstration verabscheut. Jeder hat mit seinem eigenen Gewissen zu kämpfen, hat seine eigenen Gründe dafür, wie er handelt oder dies eben nicht tut.
Und so entsteht das Bild einer Gesellschaft, die jene am Rand längst aufgegeben und vergessen hat. Die froh ist, solange diejenigen stillhalten, sich mit Drogen betäuben und sich gegenseitig bekriegen. Die ihre Macht missbraucht, denn selbst diejenigen, die das Gesetz hier umsetzen sollen, haben Angst oder sind korrupt. Auch sie wissen um den Druck, den eine solche Situation erzeugt, doch alles, was sie tun können, ist die Entladung des Drucks wieder einen Tag aufzuschieben. Ly spielt die Situation bis zum bitteren Ende durch und stellt die Frage, was passiert, wenn sich die Wütenden und Vernachlässigten nicht mehr bekriegen, sondern verbünden.
Die Anspielungen auf Hugos Werk sind nicht nur im Titel enthalten. Ly nimmt Victor Hugos Idee von den ethisch-guten Taten auf, die für die Verbesserung der Situation sorgen. So versucht Stéphane bei Streitigkeiten dazwischenzugehen, mit den Anführern zu reden, Konflikte durch Dialog und Vertrauen zu lösen. Ging es im Juniaufstand von 1832, um den Hugo seine Romanhandlung arrangierte, noch um den Aufstand der Republikaner gegen die Regierung durch König Louis Philippe I., so hat sich im gegenwärtigen Frankreich die Situation auf anderen Ebenen zugespitzt. Am Ende muss sich Stéphane entscheiden, wie weit sein Glaube an Deeskalation durch Dialog reicht. Da steht er mit gezogener Waffe in einem qualmenden Treppenhaus einem Jungen mit brennendem Molotowcocktail gegenüber. Vom Publikum in Cannes gab es dafür Applaus und Standing Ovations. (kino-zeit.de)
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