Das Kinoptikum zeigt am 5.3.

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Do. 18:30
KLASSE DEUTSCH
MonatsDoku – D 2018, 89 Min., Regie: Florian Heinzen-Ziob
Eine erhellende Deutschstunde und Lektion fürs Leben - mit mündlicher Abfrage nach der Vorstellung am Sonntag
Trailer zu KLASSE DEUTSCH
Weiterlesen... Diese Kinder haben schon viel gesehen … manche zu viel. Sie sind noch nicht lange in Deutschland, und einige von ihnen müssen bald wieder gehen. Viele kamen wahrscheinlich als Geflüchtete, doch darum geht es nicht. Hier, in dieser Schule, in diesem Klassenraum geht es ums Lernen, konkret ums Deutschlernen. Das ist das einzige, was die Kinder gemeinsam haben und was sie trotz aller Unterschiede zusammenhält. Fünf Stunden Deutsch, jeden Tag, von Montag bis Freitag. Sie haben maximal zwei Jahre Zeit, um schriftlich und mündlich so gut Deutsch zu lernen, dass sie auf eine normale Regelschule wechseln können. Die Vorbereitungsklasse (VK) ist ihr erster intensiver Kontakt zu einer neuen Kultur und zu einer Sprache, die voller Tücken und Wunder ist. Ute Vecchio, ihre Lehrerin, ist ihre universelle Ansprechpartnerin in einem neuen Leben – sie repräsentiert ein ganzes Land, eine Sprache und eine Kultur. Das ist eine richtig schwierige und anspruchsvolle Aufgabe, doch Ute Vecchio ist genau die Richtige für diesen Job, den sie souverän und bravourös erfüllt. Mit viel Sensibilität, aber auch mit der notwendigen Strenge und in einer Mischung aus Humor und unerschöpflicher Geduld erklärt sie die Bedeutung von Wörtern, die Konjugation von Verben, die Funktionsweise eines Wörterbuchs und die Geheimnisse des Lesens. Sie ist eine absolute Motivationskünstlerin, nur selten braucht sie dazu den erhobenen Zeigefinger, meist schafft sie es, die Kids mit Ruhe und Sanftmut auf Spur zu bringen. Doch sie ist auch die erste und oft einzige Anlaufstelle, wenn es um persönliche Nöte geht. Sie beruhigt allzu ehrgeizige Kinder, sie tröstet und muntert auf, aber sie kann auch ziemlich energisch werden. Und zur Not greift sie zu Farbe und Pinsel und malert ganz allein den Klassenraum.
Wie überall gibt es auch hier Streber und Schlingel, Klassenclowns, Sensibelchen und Cliquen. Pranvera besiegt sogar Jungs beim Armdrücken, sie ist fleißig und macht gute Fortschritte, doch als ihre beste Freundin abgeschoben wird, steht sie plötzlich wieder alleine da. Schach ist ein charmanter Bengel, der sich nur zu gern ablenken lässt. Ferdi ist schon 15 und möchte gern Automechaniker werden. Aber wie kann er in vier Monaten den Lernstoff von vier Jahren nachholen? Kujtim müsste eigentlich Tag und Nacht pauken, aber er schwänzt lieber. Manche können vier Sprachen sprechen, haben aber nie Schreiben gelernt, andere haben in ihrer Heimat eine Eliteschule besucht und müssen in Deutschland ganz von vorne anfangen. Das fällt einigen ganz schön schwer, manche packen es gar nicht, und so schläft auch schon mal einer ein, wenn vorgelesen wird. Die Mädchen klucken zusammen, die Jungs klucken zusammen, es wird gekichert und gestritten, geweint, geächzt, gelitten, gehofft und viel gelacht. Da werden Erinnerungen wach an die Freuden und Leiden der Kindheit. Schule bleibt Schule, und einiges wird sich wohl niemals ändern. Aber dennoch ist hier vieles anders. Die Kinder kommen aus verschiedenen Ländern, es gibt keine gemeinsame Muttersprache, die oft mageren deutschen Sprachkenntnisse sind ihre einzige Verbindung. Fleißig sind sie (fast) alle, aber einigen fällt das Lernen schwer, anderen das Lesen, und da wird dann schon mal Albert Schweitzer zu Albert Schweinsteiger. Und manche können einfach nicht stillsitzen.
 
Der Filmemacher Florian Heinzen-Ziob schafft in schlichten Schwarz-Weiß-Bildern eine magische Atmosphäre, in der die Menschen im Fokus stehen. Ohne großes Brimborium entwirft er eine Geschichte vom Neuanfangen in Deutschland, die letztlich auch eine sehr differenzierte Sicht auf das Thema Flüchtlinge und Einwanderung bietet. Man wünscht sich beinahe, dass dieser Film zum Pflichtprogramm für rechtsgerichtete Kreise oder die Ewiggestrigen werden müsste, die bekanntlich meist die wenigsten persönlichen Erfahrungen mit den Menschen gemacht haben, die sie so gern vorschnell verurteilen. Florian Heinzen-Ziobs Blick auf die Farben des Lebens ist schärfer und intensiver als die bunte Wirklichkeit, das Klassenzimmer als beinahe ausschließlicher Schauplatz wird zum universellen Ort der Verhandlung über das Dasein. Das passiert ganz unprätentiös und mit hoher handwerklicher Präzision, mit Ruhe und Umsicht, ohne jeden Kommentar und ohne auffällige Kamerafahrten und -positionen, zumeist nimmt die Kamera die Beobachterrolle ein, wobei durch die Beschränkung die Wirkung verstärkt wird. Nur am Anfang und am Ende gibt es Musik – ein bisschen Bach: eine der Goldberg-Variationen als Piano-Solo. Lediglich zu Beginn und am Ende, als Ergänzung und Untermalung der Musik, sieht man andere Räume in der Schule. Sie wirken verwaist in ihrer Leere und Stille, wie abgespielte Theaterkulissen, man merkt: Hier fehlt was. Und das, was fehlt, sind die Kinder mit ihrem Lachen, ihrem Schreien und Geschnatter, mit ihren Wünschen, Hoffnungen, Fragen und Sorgen. Die Lehrerin Ute Vecchio hält sie alle zusammen, sie beantwortet alle Fragen, kümmert sich um die Sorgen und gibt Hoffnung. Sie verhandelt mit Müttern und Vätern, und sie beschützt ihre Schüler vor überehrgeizigen Eltern. Diese Frau ist ein Phänomen, wie so viele Lehrerinnen und Lehrer, die in ihrer Arbeit aufgehen, aber sich nicht darin verlieren. Für ihre Kinder ist sie jeden Tag fünf Stunden lang die wichtigste Bezugsperson und damit auch der Schlüssel zu einem unbekannten Land. Sie bringt Licht ins Dunkel der Sprache und ebenso in ein neues Leben, das für viele nicht nur ungewohnt und fremd ist, sondern auch voller Schwierigkeiten. Nur selten durchbricht sie die unsichtbare Schranke zwischen sich und der Kamera. Als Pranveras Freundin abgeschoben werden soll, sagt sie: „Da wird dir anders. Das sind die Falschen.“ In ihrer Unauffälligkeit und Bescheidenheit wird sie im Verlauf des Films immer wichtiger und größer, ihre Persönlichkeit strahlt stärker und stärker, bis sie schließlich, ähnlich wie für die Kinder, auch für das Publikum zur wichtigsten Bezugsperson wird, zur Integrationschefin und damit zur Repräsentantin eines ganzen Landes. Sie ist allen gegenüber respektvoll, gibt den Kurs vor, bleibt dabei humorvoll, wird auch mal laut, was gelegentlich sogar Wirkung zeigt. Einige ihrer Schützlinge werden aufs Gymnasium gehen, die meisten schaffen wohl den Realschulabschluss – ein paar Absolventen kommen zwischendurch zu Besuch, helfen den Jüngeren und beweisen als Vorbilder, dass man tatsächlich nicht für die Schule, sondern für das Leben lernt. Ute Vecchio weiß das und gibt es weiter. Am Ende räumt sie zusammen, die Schule ist leer, sie ist allein. Aber nicht lange. Morgen wird sie weitermachen. Gut so! (programmkino.de)
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Do. 21:00
BETTY BLUE - 37,2° AM MORGEN
Die Zelluloid-Kinemathek – F 1986, 120 Min., Regie: Jean-Jacques Beineix
mit Jean-Hugues Anglade, Béatrice Dalle, Gérard Darmon
Eine wilde, bonbonbunte Amour Fou - einer der größten Kultfilme der 80er aus dem Erwachsenen-Regal unserer Kinemathek
Trailer zu BETTY BLUE - 37,2° AM MORGEN
Weiterlesen... Zorg (Jean-Hugues Anglade) lebt abgeschieden an der Küste Frankreichs in einem billigen Motel in den Tag hinein. Seine einzige Aufgabe besteht darin, die umliegenden Motels des schmierigen Besitzers in Schuss zu halten und den Abend heranzusehnen, um seine faszinierende Freundin Betty (Beatrice Dalle) zu sehen. Eines Tages steht Betty vor Zorgs Tür und gibt ihm zu verstehen, daß sie gekündigt worden ist und nun keine Bleibe mehr hat. Wie selbstverständlich legt Zorg ihre Koffer auf seinem Bett ab und es ist klar, daß Betty bei ihm wohnen wird. Betty, welche durch ihr ungezügeltes Temperament schlagartig eine Auseinandersetzung zwischen Zorg und ihr zu entfachen vermag, entdeckt zufällig einige Manuskripte, die aus Zorgs Feder stammen. Begeistert von der Vorstellung Zorg sei nun ein Schriftsteller, geraten die beiden Liebenden, vorangetrieben durch Betties impulsive Art, in ein Gewirr von Ereignissen... Der französische Regisseur Jean-Jacques Beineix ist eines der größten Genies des jüngeren französischen Kinos. Sein erster Film DIVA (1981) war eines der beeindruckendsten und einflussreichsten Filmdebüts seit Orson Welles´ CITIZEN KANE und begründete eine ganz neue Filmbewegung: das Cinéma du look. Doch der Folgefilm DER MOND IN DER GOSSE (1983) blieb weitestgehend unbeachtet. Dann gelang Beineix mit BETTY BLUE (1986) ein fulminantes Comeback. Der Film erhielt eine Nominierung für den Auslands-Oscar und gilt noch heute zusammen mit DIVA als einer der größten Kultfilme der 80er Jahre. Bei BETTY BLUE ging Beineix keineswegs auf Nummer sicher. Bereits der Filmanfang macht unmissverständlich klar, dass er hier nicht darauf abzielt um jeden Preis den Erfolg seines Debüts zu wiederholen. Begann DIVA mit einer ganz ruhigen Sequenz in der Pariser Oper, so wird in BETTY BLUE gleich auf das heftig kopulierende Liebespaar gezoomt. Nachdem die beiden schwitzend und stöhnend gekommen sind lautet der erste gesprochene Satz im Film: "Ich kannte Betty seit einer Woche und wir bumsten jede Nacht!" Ja, hier geht einer so richtig in die Vollen! Und so, wie Zorg und Betty kurz darauf beginnen, die Barackensiedlung in den kitschigsten Bonbonfarben anzustreichen, so arbeitet auch Beineix mit dem groben Spachtel, wenn sich der Film im folgenden in eine extrem kitschige romantische Liebeskomödie entwickelt. Doch so, wie bereits beim ersten gemeinsamen Candlelight-Dinner unter freiem Himmel im Hintergrund die merkwürdig traurige Melodie eines benachbarten Jahrmarktkarussels ertönt, so erahnt auch der Zuschauer bereits sehr früh, dass dieses Glück wahrscheinlich nicht ewig wären kann ... Denn so fröhlich und lebenslustig die verrückte Betty ist, so sehr verstört sie selbst den im siebten Himmel schwebenden Zorg immer wieder mit ihrer extremen Aufgedrehtheit und Impulsivität. Und während Zorg völlig darin aufgeht die traute Zweisamkeit zu genießen, will Betty immer mehr. Symptomatisch dafür sind Bettys unentwegte Appelle an seine Berufung als Schriftsteller und ihre unnachgiebigen Bemühungen sein Skript um jeden Preis an den Mann zu bringen. Da aber aus all diesen großen Plänen nichts zu werden scheint, schlittert Betty langsam immer weiter in eine Depression und erleidet schließlich einen Nervenzusammenbruch mit fatalen Folgen. An einer Stelle bemerkt Zorg: "Die Welt ist verdammt noch mal zu klein für sie! Sie will etwas, das gar nicht existiert..." Beineix brennt hier ein nicht enden wollendes Feuerwerk an knalligen Bildern und bizarren Ideen ab. Beineix' Film schildert die obsessive Liebe des jungen Paares Betty und Zorg. Der Film ist in mehrere Kapitel unterteilt, in denen Zorg für sich und Betty einen Ort in Frankreich sucht, wo sie immer wieder versuchen zu leben und zu arbeiten. Vom Hausmeister eines Feriendorfes in Gruissan-Plage über Arbeit in einer Pizzeria bis hin zum Inhaber eines Klavierladens reicht ihre Odyssee, während Zorg versucht, für sich und Betty ein Zuhause zu finden und wieder mit dem Schreiben zu beginnen. Es sind jedoch die letzten Monate von Betty, einer an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidenden jungen Frau. Endlich kulminiert ihre Verstörung, als sie wider Erwarten erfährt, nicht schwanger zu sein. Nach einer Selbstverstümmelung in Form einer Entäugung fällt Betty in ein agonieartiges Koma. Zorg sieht keinen Ausweg und keine Zukunft für sie und erstickt Betty mit einem Kissen. Die Handlung des Films wird aus Zorgs Sicht geschildert und häufig aus dem Off kommentiert. Verbunden durch Einsamkeit, ein trostloses Dasein und eine starke sexuelle Anziehung erschaffen sich Betty und Zorg eine Welt, in der nur sie beide Platz haben. Andere Figuren tauchen nur am Rande auf. Der Fokus liegt auf den beiden Hauptfiguren und ihrem Versuch, der eigenen Trostlosigkeit mit Hilfe des anderen zu entfliehen. Der Titel spielt mit 37,2 Grad am Morgen auf erhöhte Körpertemperatur als mögliches Zeichen einer Schwangerschaft an. Hier passen Form und Inhalt zusammen: Beineix' typische, künstliche Ästhetisierung der Bilder steht für die Sinnlichkeit und den Stilwillen seiner realitätsunfähigen Helden. Zudem erwiesen sich Jean-Hugues Anglade ("Die Bartholomäusnacht") und Béatrice Dalle, die nach diesem Kinodebüt zur Erotik-Ikone avancierte, als Besetzungs-Glücksgriff. Fazit: Rauschhaftes inszeniertes Edeldrama. (cinema) Ausblenden