Das Kinoptikum zeigt am 4.3.

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Mi. 18:30
KLASSE DEUTSCH
MonatsDoku – D 2018, 89 Min., Regie: Florian Heinzen-Ziob
Eine erhellende Deutschstunde und Lektion fürs Leben - mit mündlicher Abfrage nach der Vorstellung am Sonntag
Trailer zu KLASSE DEUTSCH
Weiterlesen... Diese Kinder haben schon viel gesehen … manche zu viel. Sie sind noch nicht lange in Deutschland, und einige von ihnen müssen bald wieder gehen. Viele kamen wahrscheinlich als Geflüchtete, doch darum geht es nicht. Hier, in dieser Schule, in diesem Klassenraum geht es ums Lernen, konkret ums Deutschlernen. Das ist das einzige, was die Kinder gemeinsam haben und was sie trotz aller Unterschiede zusammenhält. Fünf Stunden Deutsch, jeden Tag, von Montag bis Freitag. Sie haben maximal zwei Jahre Zeit, um schriftlich und mündlich so gut Deutsch zu lernen, dass sie auf eine normale Regelschule wechseln können. Die Vorbereitungsklasse (VK) ist ihr erster intensiver Kontakt zu einer neuen Kultur und zu einer Sprache, die voller Tücken und Wunder ist. Ute Vecchio, ihre Lehrerin, ist ihre universelle Ansprechpartnerin in einem neuen Leben – sie repräsentiert ein ganzes Land, eine Sprache und eine Kultur. Das ist eine richtig schwierige und anspruchsvolle Aufgabe, doch Ute Vecchio ist genau die Richtige für diesen Job, den sie souverän und bravourös erfüllt. Mit viel Sensibilität, aber auch mit der notwendigen Strenge und in einer Mischung aus Humor und unerschöpflicher Geduld erklärt sie die Bedeutung von Wörtern, die Konjugation von Verben, die Funktionsweise eines Wörterbuchs und die Geheimnisse des Lesens. Sie ist eine absolute Motivationskünstlerin, nur selten braucht sie dazu den erhobenen Zeigefinger, meist schafft sie es, die Kids mit Ruhe und Sanftmut auf Spur zu bringen. Doch sie ist auch die erste und oft einzige Anlaufstelle, wenn es um persönliche Nöte geht. Sie beruhigt allzu ehrgeizige Kinder, sie tröstet und muntert auf, aber sie kann auch ziemlich energisch werden. Und zur Not greift sie zu Farbe und Pinsel und malert ganz allein den Klassenraum.
Wie überall gibt es auch hier Streber und Schlingel, Klassenclowns, Sensibelchen und Cliquen. Pranvera besiegt sogar Jungs beim Armdrücken, sie ist fleißig und macht gute Fortschritte, doch als ihre beste Freundin abgeschoben wird, steht sie plötzlich wieder alleine da. Schach ist ein charmanter Bengel, der sich nur zu gern ablenken lässt. Ferdi ist schon 15 und möchte gern Automechaniker werden. Aber wie kann er in vier Monaten den Lernstoff von vier Jahren nachholen? Kujtim müsste eigentlich Tag und Nacht pauken, aber er schwänzt lieber. Manche können vier Sprachen sprechen, haben aber nie Schreiben gelernt, andere haben in ihrer Heimat eine Eliteschule besucht und müssen in Deutschland ganz von vorne anfangen. Das fällt einigen ganz schön schwer, manche packen es gar nicht, und so schläft auch schon mal einer ein, wenn vorgelesen wird. Die Mädchen klucken zusammen, die Jungs klucken zusammen, es wird gekichert und gestritten, geweint, geächzt, gelitten, gehofft und viel gelacht. Da werden Erinnerungen wach an die Freuden und Leiden der Kindheit. Schule bleibt Schule, und einiges wird sich wohl niemals ändern. Aber dennoch ist hier vieles anders. Die Kinder kommen aus verschiedenen Ländern, es gibt keine gemeinsame Muttersprache, die oft mageren deutschen Sprachkenntnisse sind ihre einzige Verbindung. Fleißig sind sie (fast) alle, aber einigen fällt das Lernen schwer, anderen das Lesen, und da wird dann schon mal Albert Schweitzer zu Albert Schweinsteiger. Und manche können einfach nicht stillsitzen.
 
Der Filmemacher Florian Heinzen-Ziob schafft in schlichten Schwarz-Weiß-Bildern eine magische Atmosphäre, in der die Menschen im Fokus stehen. Ohne großes Brimborium entwirft er eine Geschichte vom Neuanfangen in Deutschland, die letztlich auch eine sehr differenzierte Sicht auf das Thema Flüchtlinge und Einwanderung bietet. Man wünscht sich beinahe, dass dieser Film zum Pflichtprogramm für rechtsgerichtete Kreise oder die Ewiggestrigen werden müsste, die bekanntlich meist die wenigsten persönlichen Erfahrungen mit den Menschen gemacht haben, die sie so gern vorschnell verurteilen. Florian Heinzen-Ziobs Blick auf die Farben des Lebens ist schärfer und intensiver als die bunte Wirklichkeit, das Klassenzimmer als beinahe ausschließlicher Schauplatz wird zum universellen Ort der Verhandlung über das Dasein. Das passiert ganz unprätentiös und mit hoher handwerklicher Präzision, mit Ruhe und Umsicht, ohne jeden Kommentar und ohne auffällige Kamerafahrten und -positionen, zumeist nimmt die Kamera die Beobachterrolle ein, wobei durch die Beschränkung die Wirkung verstärkt wird. Nur am Anfang und am Ende gibt es Musik – ein bisschen Bach: eine der Goldberg-Variationen als Piano-Solo. Lediglich zu Beginn und am Ende, als Ergänzung und Untermalung der Musik, sieht man andere Räume in der Schule. Sie wirken verwaist in ihrer Leere und Stille, wie abgespielte Theaterkulissen, man merkt: Hier fehlt was. Und das, was fehlt, sind die Kinder mit ihrem Lachen, ihrem Schreien und Geschnatter, mit ihren Wünschen, Hoffnungen, Fragen und Sorgen. Die Lehrerin Ute Vecchio hält sie alle zusammen, sie beantwortet alle Fragen, kümmert sich um die Sorgen und gibt Hoffnung. Sie verhandelt mit Müttern und Vätern, und sie beschützt ihre Schüler vor überehrgeizigen Eltern. Diese Frau ist ein Phänomen, wie so viele Lehrerinnen und Lehrer, die in ihrer Arbeit aufgehen, aber sich nicht darin verlieren. Für ihre Kinder ist sie jeden Tag fünf Stunden lang die wichtigste Bezugsperson und damit auch der Schlüssel zu einem unbekannten Land. Sie bringt Licht ins Dunkel der Sprache und ebenso in ein neues Leben, das für viele nicht nur ungewohnt und fremd ist, sondern auch voller Schwierigkeiten. Nur selten durchbricht sie die unsichtbare Schranke zwischen sich und der Kamera. Als Pranveras Freundin abgeschoben werden soll, sagt sie: „Da wird dir anders. Das sind die Falschen.“ In ihrer Unauffälligkeit und Bescheidenheit wird sie im Verlauf des Films immer wichtiger und größer, ihre Persönlichkeit strahlt stärker und stärker, bis sie schließlich, ähnlich wie für die Kinder, auch für das Publikum zur wichtigsten Bezugsperson wird, zur Integrationschefin und damit zur Repräsentantin eines ganzen Landes. Sie ist allen gegenüber respektvoll, gibt den Kurs vor, bleibt dabei humorvoll, wird auch mal laut, was gelegentlich sogar Wirkung zeigt. Einige ihrer Schützlinge werden aufs Gymnasium gehen, die meisten schaffen wohl den Realschulabschluss – ein paar Absolventen kommen zwischendurch zu Besuch, helfen den Jüngeren und beweisen als Vorbilder, dass man tatsächlich nicht für die Schule, sondern für das Leben lernt. Ute Vecchio weiß das und gibt es weiter. Am Ende räumt sie zusammen, die Schule ist leer, sie ist allein. Aber nicht lange. Morgen wird sie weitermachen. Gut so! (programmkino.de)
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Mi. 21:00
PUSH - FÜR DAS GRUNDRECHT AUF WOHNEN
Architektur & Kunst – S 2019, 92 Min., Regie: Frederick Gertten
Unterwegs mit der UN-Sonderbeauftragen für das Menschenrecht auf Wohnen - auf den Spuren der Gentrifizierung
Trailer zu PUSH - FÜR DAS GRUNDRECHT AUF WOHNEN
Weiterlesen... Die Wohnmiete ist schon wieder gestiegen – wer kennt es nicht? Aber was steckt eigentlich dahinter? Und warum gewinnen Themen wie Urbanisierung (Verstädterung) als auch Suburbanisierung (Stadtflucht) immer weiter an Bedeutung? Diesen Fragen geht Fredrik Gertten in seinem neusten Werk Push – Für das Grundrecht auf Wohnen auf die Spur.
Wir erinnern uns: 2008, die Welt stürzt aufgrund der Weltfinanzkrise, die durch den spekulativ aufgeblähten Immobilienmarkt in den USA stark geprägt wurde, ins Chaos. Nun, elf Jahre später, zeigt Gertten, dass diese Krise im Stillen immer noch am Brodeln ist und das Recht auf Wohnen immer stärker bedroht wird. Doch was steckt dahinter? Auf der Suche nach Antworten begleitet Gertten Leilani Farha, die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für angemessenes Wohnen.
Basierend auf der Entwicklung unterschiedlicher sozialer Aspekte wie beispielsweise die Asymmetrie der Gehälter und Mieten im Laufe der Zeit, kristallisiert sich schnell die Problematik heraus: die Gentrifizierung, das heißt die Verdrängung der ansässigen Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten, steht im unmittelbaren Konflikt mit dem Recht auf Wohnen. Das Erschreckende ist dabei, dass dies kein nationales Problem sondern ein weltweites darstellt, welches – so zeigt die Doku – unter anderem in Toronto, Schweden und Berlin Kreuzberg der Fall ist. Es verwundert daher nicht, dass es aufgrund der schnell fortschreitenden Urbanisierung und den dagegenstehenden stagnierenden Gehältern und unerschwinglichen Mieten immer häufiger zu Mietstreiks kommt.
Farha fragt aufgrund dieser Entwicklung an einer Stelle „Die Frage ist, wer dann eigentlich noch in der Stadt lebt?“, wodurch sich spontan weiterführende Gedanken ergeben. Aufgrund immer mehr leerstehender Immobilien, die nur noch als Vermögensgegenstand entfremdet werden, könnte man nun annehmen, dass sich die Urbanisierung irgendwann durch die Suburbanisierung, also das Abziehen der Bevölkerung in ländlichere Gebiete, umkehren wird. In der Hinsicht bietet Gerttens Werk einen wirklich interessanten und gedankenanregenden Beitrag, wie es mit der Gesellschaft in Zukunft weitergehen könnte.
Ansprechen könnte man in dieser Hinsicht die ansteigende Beschäftigung im Home-Office-Bereich und der Wegfall von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung. Alles im Allem stellt sich Push – Für das Grundrecht auf Wohnen dadurch als sehr gelungene Dokumentation über ein höchst relevantes Thema heraus, über das sich viele wahrscheinlich gar nicht so sehr Gedanken machen. Wenn Gertten aber anspricht, dass die Summe aller Immobilien, die als Vermögenswerte gehandelt werden, über dem globalen (!) Bruttoinlandsprodukt liegt, dann wird einem schnell klar, dass dieses Problem gesellschaftlich als auch politisch auf keinen Fall vernachlässigt werden darf.
Wohin diese Entwicklung führt, ist jetzt natürlich noch unklar. Der Dialog mit Bürgermeistern, Politikern und Finanzexperten hinterlässt jedoch ein hoffnungsvolles Bild. Sicher ist aber auch, dass wie bei allen anderen Herausforderungen der Gegenwart jetzt Maßnahmen, zum Beispiel gegen die Privatisierung, ergriffen werden müssen, um soziale Umbrüche zu vermeiden und eine existenzielle Grundsicherung aufrechtzuerhalten. Wie eine Vielzahl anderer Dokumentationen kommt so auch Gertten zum Schluss: Die Hoffnung ist noch nicht verloren, das zeigt er mit Push – Für das Grundrecht auf Wohnen ganz deutlich. (film-rezensionen.de)
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