Das Kinoptikum zeigt am 12.12.

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Do. 18:30
DER GLANZ DER UNSICHTBAREN  frz. OmU
Les Invisibles – F 2018, 102 Min., Regie: Louis-Julien Petit
mit Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsky
Zu Besuch in einem Tageszentrum für obdachlose Frauen in Paris. Formidable!
Trailer zu DER GLANZ DER UNSICHTBAREN
Weiterlesen... Den Blick nicht abzuwenden, sondern hinzusehen und aktiv zu werden, ist sowohl eine Aufgabe der Gesellschaft als auch des Kinos. Insbesondere das Subgenre des Sozialdramas widmet sich seit jeher dieser Bestimmung – und vermag sein Publikum im Idealfall zum Handeln im echten Leben zu animieren. Der französische Filmemacher Louis-Julien Petit legt mit „Der Glanz der Unsichtbaren“ einen eindrücklichen Subgenrebeitrag vor: Auf Basis des Sachbuchs „Sur la route des invisibles“ und des Dokumentarfilms „Femmes invisibles: survivre dans la rue“, beide von Claire Lajeunie, schildert er die Geschichte von wohnungslosen Frauen in einer nordfranzösischen Stadt sowie von vier Sozialarbeiterinnen, die sich in einer Tagesstätte engagieren, in welcher die Frauen sich duschen und aufhalten können.
Jene Tagesstätte steht vor der Schließung, da sie von der Stadtverwaltung als nicht effektiv genug eingestuft wird. Verwiesen wird auf eine Unterbringungsmöglichkeit in der Peripherie der Stadt; das Betreuerinnen-Quartett Manu (Corinne Masiero), Audrey (Audrey Lamy), Hélène (Noémie Lvovsky) und Angélique (Déborah Lukumuena) weiß jedoch, dass ein Großteil der Frauen dort nicht hingehen wird, weil sich die Unterkunft zu weit außerhalb befindet und dort auch Männer untergebracht sind. Nachdem überdies ein Zeltcamp am Sportplatz geräumt wurde, wo viele wohnungslose Frauen die Nacht verbrachten, fassen die Sozialarbeiterinnen den Entschluss, die Tagesstätte heimlich zu einer 24-Stunden-Unterkunft zu machen – und den Frauen bei der Reintegration zu helfen, um ihnen Jobs zu vermitteln. Der Glanz der Unsichtbaren ist zunächst einmal deshalb bemerkenswert, weil er verdeutlicht, wie wichtig ein Safe Space für wohnungslose Frauen ist – ein Ort, der die Voraussetzungen dafür schafft, den Grundbedürfnissen nachzugehen, der vor Kälte und Gewalt schützt. Darüber hinaus zeigt er die Notwendigkeit auf, den Frauen eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. Der Film wird dabei aber weder didaktisch, noch verharmlost er die Zustände, um als Feel-Good-Movie vielen zu gefallen. Während der Witz der Inszenierung immer wahrhaftig wirkt, lässt die Umsetzung nie einen Zweifel daran, dass Petit und sein Team wissen, wovon sie hier erzählen. Die umfangreiche Recherche ist dem Werk in zahlreichen Details anzumerken.
Als größter Gewinn erweist sich dabei die gute Besetzungsentscheidung: Die Rollen der wohnungslosen Frauen werden überwiegend von Laiinnen aus der nordfranzösischen Region verkörpert, die selbst wohnungslos waren. Sie dienen nicht nur als Hintergrund, sondern werden zu Individuen, deren biografische Hintergründe kurz, aber prägnant anklingen. In rund 100 Minuten gelingt Der Glanz der Unsichtbaren damit etwas Ähnliches wie der Netflix-Serie Orange Is the New Black in sieben Staffeln: die stimmige und vielschichtige Zeichnung eines Ensembles, in der Ecken und Kanten nicht abgeschliffen werden müssen. Als interessanteste Figur erweist sich dabei die handwerklich begabte Chantal (Adolpha Van Meerhaeghe), die von der Waschmaschine bis zum Toaster alles reparieren kann, allerdings dennoch schwer zu vermitteln ist, weil sie in Bewerbungsgesprächen stets ganz ehrlich mitteilt, ihre Fähigkeiten im Gefängnis erworben zu haben.
Petits Skript begeht zudem nicht den Fehler, die vier Sozialarbeiterinnen zu idealisieren. Sie sind keine strahlenden Heldinnen, keine makellosen Retterinnen, sondern ebenfalls dreidimensionale Persönlichkeiten mit Schwächen. Der Glanz der Unsichtbaren verkommt daher nie zum Kitsch, sondern ist ein wirkmächtiger Appell an die Solidarität, der es durch seinen aufrichtigen Humor schaffen kann, ein breites Publikum zu erreichen. In Frankreich konnte dies bereits erzielt werden – und auch hierzulande wäre es dem Film sehr zu wünschen. (kino-zeit.de)
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Do. 21:00
HELL OR HIGH WATER  OmU
Congrats, Dude! – USA 2016, 102 Min., Regie: David Mackenzie
mit Chris Pine, Ben Foster, Jeff Bridges, Gil Birmingham
No Country for old Men: Ein stimmungsvoller und brillanter Neo-Western auf den staubigen Straßen Texas
Trailer zu HELL OR HIGH WATER
Weiterlesen... Es gibt keine Zeit zur Orientierung, keine Exposition, keine Erklärung. Stattdessen eröffnet David Mackenzie („Young Adam“, „Perfect Sense“) seinen neuen Film mit einer intensiven, energetisch gefilmten Actionsequenz. Der Zuschauer befindet sich mitten im Geschehen, als die beiden Brüder Toby (Chris Pine) und Tanner (Ben Foster) eine kleine Filiale der fiktiven Texas Midland Bank auszurauben versuchen. Ihr Plan geht auf, auch wenn sie sich bei ihrem Überfall nicht in jedem Moment wirklich geschickt anstellen. Sie entkommen mit einer ordentlichen Summe Bargeld, was vor allem beim draufgängerischen Tanner fast schon Euphorie auslöst. Dabei weiß er nur gut, dass die Staatsgewalt meist zurückschlägt. So ist er gerade das erste Mal seit langer Zeit wieder auf freiem Fuß. Doch die Jahre im Gefängnis haben bei ihm offenbar kein Umdenken bewirkt – im Gegenteil.
 
Um eine eigentlich viel zu teure Hypothek zurückzuzahlen, den ausgerechnet jene Texas Midland Bank ihrer verstorbenen Mutter verkauft hat, setzen die Brüder in bester Robin-Hood-Manier ihren Raubzug auf weitere Bankfilialen fort. Der lange Atem des Gesetzes sitzt ihnen inzwischen aber dicht im Nacken. Dank des erfahrenen, etwas verschrobenen Texas Rangers Marcus (Jeff Bridges) und seines Partners Alberto (Gil Birmingham), einem Nachkommen amerikanischer Ureinwohner, der mit scheinbar stoischer Ruhe die rassistischen Kommentare seines Partners erduldet, geraten die beiden Outlaws bei ihren nicht immer durchdachten Überfällen zunehmend in Bedrängnis.
 
Geschickt spielt das Skript von „Sicario“-Autor Taylor Sheridan sowohl mit Stereotypen des Western- und Heist-Genres als auch mit den Sympathien des Zuschauers, die mehrmals zwischen den Bankräubern und den Cops hin- und herwechseln. Insbesondere der eher besonnene Toby, Vater zweier Söhne, taugt so wie Chris Pine ihn verkörpert durchaus als Sympathieträger und Identifikationsfigur. Während Pine sein nuanciertes Schauspiel außerhalb von Hollywoods Blockbuster-Welt beweisen darf, bleibt für seinen Filmpartner Ben Foster einmal mehr die Rolle des knallharten Draufgängers. Dessen Badass-Attitüde wirkt weder forciert noch behauptet. Vielmehr verleiht Foster seiner Figur eine gefährliche Unberechenbarkeit. Letzteres trifft auch auf den Film als Ganzes zu. Mag „Hell or High Water“ zunächst einer simplen Jäger-und-Gejagte-Dramaturgie folgen, so entpuppt er sich unter der Regie Mackenzies am Ende als intelligenter Neo-Western mit doppeltem Boden.
Natürlich sind Vergleiche zu den Werken Cormac McCarthys und insbesondere zum Oscar-Gewinner „No Country for Old Men“ schon aufgrund des gemeinsamen Schauplatzes naheliegend. Anders als bei den Coens bleibt die Geschichte bei Mackenzie und Sheridan trotz mancher (schwarz-)humoriger Zwischentöne, die meist auf das Konto des grummelnden Bridges gehen, stets mit der gelegentlich tristen Realität im texanischen Hinterland verbunden. Der wirtschaftliche Niedergang ganzer Regionen ist in „Hell or High Water“ als Motiv unübersehbar. Endlose Werbeschilder entlang der Highways, auf denen den vielen überschuldeten Amerikanern ein finanzieller Neuanfang versprochen wird, zeichnen wie auch die Geschäftspraxis der Banken ein düsteres Bild. Die Frage, ob Toby und Tanner oder doch das ausgeraubte Geldinstitut der wahre „Bad Guy“ ist, scheint durchaus legitim.
 
Die gleiche Ambivalenz steckt auch in den Figuren. Sie sind weitaus komplexer als zunächst vermutet, was sie für das Publikum nur noch interessanter macht. Das erklärt zum Teil auch die Dynamik und Intensität des Plots, der es vermag, sowohl mit dem klassischen Western-Shootout als auch mit einem rein verbalen Kräftemessen Spannung zu erzeugen. Am Ende von „Hell or High Water“ warten keine eindeutigen Sieger oder Besiegte – bestenfalls ein ziemlich dunkler Hoffnungsschimmer. (programmkino.de)
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