Das Kinoptikum zeigt am 10.12.

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Di. 18:30
CLEO
D 2019, 110 Min., Regie: Erik Schmitt
mit Marlen Lohse, Jeremy Mockridge, Fabian Busch, Heiko Pinkowski
Die fabelhafte Welt der Cleo auf Schatzsuche im magischen Berlin. Geheimtipp!
Trailer zu CLEO
Weiterlesen... Cleos (Marleen Lohse) Leben begann mit dem Mauerfall: Am 9. November 1989 versuchte ihr Vater Bernd (Fabian Busch) seine hochschwangere Frau zum Krankenhaus zu fahren, doch im Trubel der Weltgeschichte blieb das Auto stecken und Bernd musste eine Entscheidung treffen. Die Mutter starb, Cleo lebte und versteckte ihr Herz fortan hinter einer eigenen Mauer.
Gefühle zu echten Menschen ließ sie nicht zu, erst recht nicht, nachdem auch ihr Vater gestorben war. So pflegte sie vor allem Kontakte zu imaginären Freunden aus der Berliner Vergangenheit, von Albert Einstein über Max Planck bis zu Marlene Dietrich. Besonders faszinieren sie aber die Gebrüder Sass, berühmte Einbrecher aus den 20er Jahren, und ihr legendärer Schatz. Denn zu diesem Schatz soll auch eine Uhr gehören, mit der man die Zeit zurückdrehen kann.
Als Stadtführerin kennt sich Cleo ziemlich gut aus, doch erst mit der Hilfe des umtriebigen Paul (Jeremy Mockridge) beginnt ihre Schatzsuche Form anzunehmen. Denn Paul ist im Besitz einer Schatzkarte, die scheinbar endlich den Weg zum Schatz der Gebrüder Sass offenbart, und damit zur Möglichkeit für Cleo, ihr Schicksal zu ändern.
Zahlreiche Kurzfilme wie „Nashorn im Galopp“, „Telekommando“ oder „Berlin Metanoia“ hat der aus Mainz stammende Erik Schmitt in den letzten Jahren gedreht und damit hunderte Preise auf Festivals in aller Welt gewonnen. Kein Wunder, sprühen die kurzen Stücke doch vor visuellem Einfallsreichtum, arbeiten mit Stop-Motion-Tricks, Perspektivverschiebungen und vielen anderen, vor allem handgemachten Stilmitteln. Dazu noch strahlende Menschen – auch in den Kurzfilmen schon oft Marleen Lohse – und Musik, die irgendwo zwischen Lebensfreude und Melancholie angesiedelt war. Mehr als deutlich war, dass Schmitt Filme wie „Die fabelhafte Welt der Amélie“, „The Science of Sleep“ oder „Be Kind Rewind“ gut studiert hatte.
Beim Sprung vom Kurz- zum Langfilm bestand nun die Gefahr, sich allzu sehr auf die visuellen Spielereien zu verlassen und dabei die Geschichte zu vernachlässigen. Doch zum Glück hat Schmitt zusammen mit Stefanie Ren ein Drehbuch geschrieben, das nicht nur auf visuelle Einfälle baut, sondern auf originelle Weise die Magie von Berlin beschwört. Tief in die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner taucht Cleo auf ihrer Schatzsuche ein, bewegt sich zwischen markanten Orten wie der Oberbaumbrücke und dem Teufelsberg, vor allem aber in der Phantasie von Cleo und Paul.
 
Berühmte Berliner treffen die beiden, die in ein wenig an alte Fernsehbilder erinnerndem schwarz-weiß getaucht sind und den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart schlagen. Denn erst wenn Cleo ihre nostalgische Weltsicht ablegt und akzeptiert, dass sie die Vergangenheit nicht ändern kann, ist es ihr möglich, in der Gegenwart zu leben. Mit welchem Witz, Einfallsreichtum und Emotionen diese Geschichte inszeniert, zählt zu den originellsten, ungewöhnlichsten deutschen Filmen der jüngeren Vergangenheit. (programmkino.de)
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Di. 21:00
DER GLANZ DER UNSICHTBAREN  frz. OmU
Les Invisibles – F 2018, 102 Min., Regie: Louis-Julien Petit
mit Audrey Lamy, Corinne Masiero, Noémie Lvovsky
Zu Besuch in einem Tageszentrum für obdachlose Frauen in Paris. Formidable!
Trailer zu DER GLANZ DER UNSICHTBAREN
Weiterlesen... Den Blick nicht abzuwenden, sondern hinzusehen und aktiv zu werden, ist sowohl eine Aufgabe der Gesellschaft als auch des Kinos. Insbesondere das Subgenre des Sozialdramas widmet sich seit jeher dieser Bestimmung – und vermag sein Publikum im Idealfall zum Handeln im echten Leben zu animieren. Der französische Filmemacher Louis-Julien Petit legt mit „Der Glanz der Unsichtbaren“ einen eindrücklichen Subgenrebeitrag vor: Auf Basis des Sachbuchs „Sur la route des invisibles“ und des Dokumentarfilms „Femmes invisibles: survivre dans la rue“, beide von Claire Lajeunie, schildert er die Geschichte von wohnungslosen Frauen in einer nordfranzösischen Stadt sowie von vier Sozialarbeiterinnen, die sich in einer Tagesstätte engagieren, in welcher die Frauen sich duschen und aufhalten können.
Jene Tagesstätte steht vor der Schließung, da sie von der Stadtverwaltung als nicht effektiv genug eingestuft wird. Verwiesen wird auf eine Unterbringungsmöglichkeit in der Peripherie der Stadt; das Betreuerinnen-Quartett Manu (Corinne Masiero), Audrey (Audrey Lamy), Hélène (Noémie Lvovsky) und Angélique (Déborah Lukumuena) weiß jedoch, dass ein Großteil der Frauen dort nicht hingehen wird, weil sich die Unterkunft zu weit außerhalb befindet und dort auch Männer untergebracht sind. Nachdem überdies ein Zeltcamp am Sportplatz geräumt wurde, wo viele wohnungslose Frauen die Nacht verbrachten, fassen die Sozialarbeiterinnen den Entschluss, die Tagesstätte heimlich zu einer 24-Stunden-Unterkunft zu machen – und den Frauen bei der Reintegration zu helfen, um ihnen Jobs zu vermitteln. Der Glanz der Unsichtbaren ist zunächst einmal deshalb bemerkenswert, weil er verdeutlicht, wie wichtig ein Safe Space für wohnungslose Frauen ist – ein Ort, der die Voraussetzungen dafür schafft, den Grundbedürfnissen nachzugehen, der vor Kälte und Gewalt schützt. Darüber hinaus zeigt er die Notwendigkeit auf, den Frauen eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. Der Film wird dabei aber weder didaktisch, noch verharmlost er die Zustände, um als Feel-Good-Movie vielen zu gefallen. Während der Witz der Inszenierung immer wahrhaftig wirkt, lässt die Umsetzung nie einen Zweifel daran, dass Petit und sein Team wissen, wovon sie hier erzählen. Die umfangreiche Recherche ist dem Werk in zahlreichen Details anzumerken.
Als größter Gewinn erweist sich dabei die gute Besetzungsentscheidung: Die Rollen der wohnungslosen Frauen werden überwiegend von Laiinnen aus der nordfranzösischen Region verkörpert, die selbst wohnungslos waren. Sie dienen nicht nur als Hintergrund, sondern werden zu Individuen, deren biografische Hintergründe kurz, aber prägnant anklingen. In rund 100 Minuten gelingt Der Glanz der Unsichtbaren damit etwas Ähnliches wie der Netflix-Serie Orange Is the New Black in sieben Staffeln: die stimmige und vielschichtige Zeichnung eines Ensembles, in der Ecken und Kanten nicht abgeschliffen werden müssen. Als interessanteste Figur erweist sich dabei die handwerklich begabte Chantal (Adolpha Van Meerhaeghe), die von der Waschmaschine bis zum Toaster alles reparieren kann, allerdings dennoch schwer zu vermitteln ist, weil sie in Bewerbungsgesprächen stets ganz ehrlich mitteilt, ihre Fähigkeiten im Gefängnis erworben zu haben.
Petits Skript begeht zudem nicht den Fehler, die vier Sozialarbeiterinnen zu idealisieren. Sie sind keine strahlenden Heldinnen, keine makellosen Retterinnen, sondern ebenfalls dreidimensionale Persönlichkeiten mit Schwächen. Der Glanz der Unsichtbaren verkommt daher nie zum Kitsch, sondern ist ein wirkmächtiger Appell an die Solidarität, der es durch seinen aufrichtigen Humor schaffen kann, ein breites Publikum zu erreichen. In Frankreich konnte dies bereits erzielt werden – und auch hierzulande wäre es dem Film sehr zu wünschen. (kino-zeit.de)
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