Das Kinoptikum zeigt am 4.12.

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Mi. 18:30
EIN LICHT ZWISCHEN DEN WOLKEN
Streha mes reve – ALB 2018, 84 Min., Regie: Robert Budina
mit Arben Bajraktaraj, Esela Pysqyli, Irena Cahani
Ein universelles und bildgewaltiges Evangelium aus der urwüchsigen Bergwelt Albaniens
Trailer zu EIN LICHT ZWISCHEN DEN WOLKEN
Weiterlesen... Der schweigsame, fromme Besnik ist Ziegenhirt. Er lebt allein mit seinem todkranken Vater, den er pflegt. Hier, in der unzugänglichen Bergregion Albaniens, scheint die Zeit stehen geblieben. Viele junge Leute sind fortgegangen, es gibt nur wenige Kinder und viele alte Leute. Muslime, so wie Besnik, Katholiken und orthodoxe Christen leben auf engstem Raum zusammen. Unterschiedliche Religionen gibt es auch in der eigenen Familie. Besnik selbst hatte eine katholische Mutter, seine Geschwister sind Muslime oder orthodox, und sein Vater gehört einer vierten Religion an, die eigentlich keine ist, aber die es in Albanien immer noch gibt: dem Kommunismus. Die alten Plakate von Enver Hodscha und Co. hängen wie vor 50 Jahren in seinem Zimmer.
Beim Besuch der kleinen Dorfmoschee entdeckt Besnik einen Riss, hinter dem sich ein altes Fresko mit einer Heiligendarstellung verbirgt. Für Besnik ist das kein Problem, aber damit steht er ziemlich alleine. Eine Kunsthistorikerin aus der Stadt sorgt für Aufklärung und frischen Wind im Dörfchen, was die Gemüter zusätzlich in Wallung versetzt. Während das ganze Dorf davon aufgerüttelt wird, dass die Moschee früher eine Kirche war, sieht sich Besnik wachsenden Problemen in seiner Familie gegenüber, denn in Erwartung des Todes seines Vaters finden sich die verstreut lebenden Geschwister mit ihren Kindern ein. Und bald muss der arglose Bresnik erkennen, dass sie vor allem von Gier getrieben den Weg in die Heimat gefunden haben. Es geht um das Erbe seines Vaters.
Robert Budina bringt seine komplexe Geschichte mit den vielen aktuellen Bezügen in atemstockend schönen Bildern, in denen sanfte Farben dominieren, auf die Leinwand. Die wilde Berglandschaft beeindruckt dabei durch die pure, raue Natur, die von der Kamera (Marius Panduru) kongenial eingefangen wird. Seine Bilder sind oft statisch, es gibt viele ruhige, lange Einstellungen, wenig Fahrten. Manche Außenaufnahmen wirken komponiert wie Opernkulissen: ein Feuer, daran sitzen Besnik und Vilma, die Kunsthistorikerin. Hinter ihnen die majestätischen Berggipfel. Offenbar wurde sehr viel mit natürlichem Licht gedreht, wenig mit Kunstlicht. Die Innenaufnahmen erinnern an Rembrandt-Gemälde in ihren warmen, dunklen Farben, die das Elend und die Armut der Bewohner ein bisschen verdecken. Hier gibt es keine reichen Leute, und das Erbe des Vaters ist ein schäbiges altes Haus, so wie auch die übrigen Häuser. An die kleine Dorfmoschee klammert sich ein beinahe bemitleidenswertes, schiefes Minarettchen. Doch Robert Budina feiert hier keine Ethno-Party mit idyllischen Postkartenaufnahmen – seine Darstellung ist in ihrem Realismus mehr Anklage als Nostalgie.
Nur wenig Inhalt läuft über die sparsamen Dialoge. Die diskrete Absurdität der Story lässt dabei Raum für einen ganz feinen Humor, der von dem kongenialen Hauptdarsteller Arben Bajraktaraj ebenso fesselnd und anrührend vermittelt wird wie die gesamte Persönlichkeit des Ziegenhirten Besnik. Der scheinbar harmlose, fromme Naturbursche, der seine Gebete am liebsten allein auf einer Bergwiese verrichtet, entpuppt sich immer mehr als einzig Gerechter zwischen Egoisten, Lügnern und Heuchlern, die nichts anderes im Kopf haben, als sich gegeneinander auszuspielen und ihren eigenen Vorteil zu suchen. Die Religion wird dabei als Ausrede benutzt, um die Unterschiede zu vertiefen und das eigene Fehlverhalten zu rechtfertigen.
Als zwei Gläser mit Rotwein und Cola verwechselt werden, kann der Familienkrach gerade noch vermieden werden. Doch bald geht ein Riss durch die Familie, man sitzt an unterschiedlichen Tischen. Und zwischen ihnen Besnik, der das alles nicht versteht. Sein Verständnis für Gott wird geleitet von der Liebe zur Natur und zu den Menschen. Er scheint weder Gier noch Leidenschaft zu kennen – was ihn zu dem gemacht hat, der er ist, wird im Film diskret angesprochen. Besnik setzt sich dafür ein, dass die Moschee zumindest zeitweilig für die Christen zugänglich gemacht wird. Doch damit macht er sich bei fast allen im Dorf sehr unbeliebt, was seine Position innerhalb der Familie noch weiter schwächt. Er ist für sie der zurückgebliebene Hinterwäldler, der kleingehalten werden muss, damit er nicht gefährlich wird - der Prophet gilt nichts im eigenen Lande. Regisseur Robert Budina konzentriert sich auf diese Figur des Besnik, auf seine innere Welt und seine Gefühle. Damit erschafft er eine universell gültige Geschichte in einer Bildsprache, die gleichzeitig schön und berührend ist. (programmkino.de)
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Mi. 21:00
CHRISTO - WALKING ON WATER
Architektur & Kunst – USA 2018, 97 Min., Regie: Andrey M. Paounov
Das sinnliche Portrait des Ausnahmekünstlers und seiner Installation, die über Wasser wandeln ließ
Trailer zu CHRISTO - WALKING ON WATER
Weiterlesen... „Unsere Werke sind alle total nutzlos“, gibt der Ausnahmekünstler Christo unumwunden zu, „wir schaffen sie nur, weil wir sie gerne anschauen möchten“. Mit seinen spektakulären „Floating Piers“ im norditalienischen Iseo-See sorgte der agile 81jährige freilich dafür, dass die Besucher nicht nur staunend vor seinem gigantischen Kunstwerk standen. Fasziniert von seiner Idee „über Wasser zu wandeln“ spazierten Besucher aus aller Welt über drei Kilometer lange schwimmende Stege, die mit gelb-orange schimmerndem Gewebe überzogen waren. Bis es jedoch soweit war, hatten nicht nur die Götter den Schweiß gesetzt.
Im Nachhinein auf der Leinwand die turbulente Entstehungsgeschichte dieses gigantischen Kunstwerks miterleben zu können ist ein besonderer Genuss. Denn Regisseur Andrey M. Paounov gelingt es im Sinne des Cinema Verite der 60iger Jahre, ohne autoritäre Voice-Over, ein absolut unterhaltsames soziologisches Fresco zu schaffen. Sein Blick hinter die Kulissen ist von Anfang an spannend. Dramaturgisch geschickt inszeniert er aus mehr als 700 Stunden Filmaufnahmen einen eindrucksvollen, authentischen Count-Down.
Und so fiebert man förmlich mit, ob Christo, der wie kein zweiter Künstler an der Entgrenzung der Gegenwartskunst arbeitete, seine spektakuläre Idee wirklich umsetzen kann. Denn Hürden und heikle Verwicklungen gibt es genug. Angefangen von der Konstruktion der schwimmenden Installation über die Naturgewalten des Wetters bis hin zur italienischen Bürokratie, die ihm Rätsel aufgibt. Wie sollen die 220 000 Schwimmwürfel überhaupt miteinander verbunden werden, damit die drei Kilometer langen Stege vom Ort Sulzano auf die vorgelagerte Insel Monte Isola entstehen?
Eine Diskussion, die der drahtige Christo lautstark und vehement mit seinem Neffen Vladimir Yavachev, dem Sohn seines älteren Bruders, führt. Das Projekt entwickelt sich zeitweise zum logistischen Albtraum. Vor allem nach seiner Eröffnung. Denn mit diesem riesigen Ansturm rechnete niemand. Züge und Buse sind überfüllt. Der kleine Ort platzt aus allen Nähten. Bereits am zweiten Tag droht alles aus dem Ruder zu laufen. Selbst Christos Nerven wirken durchgescheuert. Bis zu 20 000 Menschen dürfen gleichzeitig auf den Stegen sein. Soviel halten die „Floating Pierce“ aus. Doch mehr auf keinen Fall. Verzweifelt verlangt Christo den Zustrom zu stoppen. 
Den kapitalistischen Kunstmarkt handelt der einst aus dem kommunistischen Bulgarien geflohene Künstler sehr souverän und reell. Schließlich muss seine „Kunstware“ sein nächstes Projekt finanzieren. Der Sohn eines Chemikers finanziert seine teuren Aktionen ausschließlich durch den Verkauf von Originalzeichnungen bis zum Beginn seiner Kunstshow. Auch bei den „Floating Pierce“ bezahlt er die rund 13 Millionen Euro quasi aus eigener Tasche. Wie gefragt seine Zeichnungen sind zeigt eine beinahe rührende Szene mit einem fast weinenden italienischen Sammler. Grund: Er kann sich, nur noch eine kleine Skizze von Christos „Floating Pierce“ leisten, da die Preise stündlich gestiegen sind.
Christos Geschäftsmodell ist in gewisser Weise ungewöhnlich. Denn kaufen kann der Sammler nicht das Kunstwerk selbst, sondern eben nur die Symbole und die Erinnerung daran. Wenn der Ausnahmekünstler am letzten Tag sein Hotelzimmer mit seinem verbeulten silbernen Alu-Rollkoffer verlässt, wirkt dieses Ende seiner Reise fast ein wenig melancholisch. Aber schließlich ist die Vergänglichkeit ein essenzieller Teil seiner traumhaften Projekte. Auch der verhüllte Reichstag von Christo und seiner Partnerin Jeanne-Claude traf, obwohl das Projekt über 20 Jahre in der Planung war, in jenem Sommer 1995 den Nerv der Zeit.
Beharrlichkeit und Konsequenz kennzeichnen sein gesamtes Œuvre: Schon Ende der 50er-Jahre arbeitete Christo mit Stoffen, Schnüren, Metallfässern. Ob er Alltagsgegenstände verpackt oder ganze Landschaften, Stoffbahnen in den Central Park hängt oder sein Publikum über das Wasser des Iseo-Sees laufen lässt – Christo macht die Welt als Kunst erfahrbar. Freilich haftet seinen Großprojekten auch immer etwas Jahrmarkthaftes an. Doch damit schafft er Schönheit, Spektakel plus gute Laune außerhalb des manchmal aseptischen Kunstbetriebs. (programmkino.de)
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