Das Kinoptikum zeigt am 14.10.

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Mo. 17:30
ELECTRIC GIRL
Cinema Obscure – D 2018, 89 Min., Regie: Ziska Riemann
mit Victoria Schulz, Hans-Jochen Wagner, Svenja Jung, Florian Stetter, Jytte-Merle Böhrnsen
Die neuen Wilden voll unter Strom, es strotzt nur so vor Einfällen und Energie und Lust am Erzählen.
Trailer zu ELECTRIC GIRL
Weiterlesen... Die Poetry-Slammerin Mia erhält die Chance, die Anime-Heldin Kimiko zu synchronisieren. Je länger Mia diesen neuen Job ausübt, desto stärker identifiziert sie sich mit der japanischen Weltenretterin. Bei ihrem Nebenjob als Barfrau ahmt Mia Kimikos Bewegungen nach und auf einer Party springt Mia wie Kimiko von einem Dach. Irgendwann meint Mias verspulter Nachbar Kristof, dass Mia krank sei. Doch wie kam es dazu?
Mia ist ähnlich hyperaktiv wie die zu Vanilla mutierte Maggie in "Tiger Girl". Doch selbst in ihren wildesten Ausbrüchen wirkt Mia immer ein Stück weit wie auf Valium. Selbst wenn sie wild herumwirbelt, erscheint sie wie auf Watte zu wandeln. Das hat zum einen sicherlich mit ihrer Identifikation mit der Anime-Figur Kimiko zu tun. Auch diese bewegt sich schnell, aber dabei äußerst geschmeidig. Es zeigt aber auch, wie Mia immer stärker von der Realität entrückt, wie sie immer mehr in den Wahn abgleitet.
Beide Bewegungen treffen zusammen, als Mia hinter dem Bartresen in die Rolle von Kimiko schlüpft. Voller Energie streckt sie ihre Arme aus, bis sie eine Heldenpose einnimmt. Doch anstatt übersteigert herumzufuchteln, führt Mia sanft gleitende Bewegungen aus, die sich exakt mit denen von Kimiko in ihren Animeabenteuern deckt. Diese flüssigen Bewegungen sind ein Ausdruck von Kimikos Kontrolle und Kraft. Immerhin kann KImiko die Elektrizität kontrollieren. Zugleich spiegeln Mias sanft gleitende Bewegungen jedoch auch ihr allmähliches Abgleiten in die Manie.
Es ist erstaunlich, dass man bei Electric Girl keinen exakten Zeitpunkt ausmachen kann, an dem Mias selbstbewusstes Agieren in die Psychose kippt. Eben war sie noch cool, dann ist sie auch schon krank. Aber wann das eine aufhört und das andere anfängt, lässt sich nicht wirklich sagen. Mia dreht auf und dann dreht sie durch. Mia hat die komplette Kontrolle und Mia ist komplett durchgeknallt. Dass der Zeitpunkt, an dem Mia den Kontakt zur Realität verliert, nicht klar auszumachen ist, liegt auch daran, dass Mia von Anfang an leicht entrückt ist. Die Stimmung in Electric Girl hat zu Beginn nichts Elektrifiziertes. Mia wirkt ein Stück weit wie das Kiemenwesen in Guillermo del Toros Shape of Water – Das Flüstern des Wassers – sie scheint wie unter Wasser zu schweben. Es beginnt mit der Weltentrücktheit ihrer Arbeit im Synchronisationsstudio. Hier verschwindet Mia in Kimikos Comicwelt. Und zum Ausgleich geht sie auf Partys, auf denen die Menschen anderweitig der Welt entrücken.
Das Scharnier zwischen der Comicwelt und der Partywelt bildet Mias Wohnung. Obwohl diese ziemlich gewöhnlich ist, verwandelt Mia auch sie in einen Rückzugsort von der Realität. Kaum ist sie zu Hause angekommen, blendet sie die Außenwelt aus, indem sie die Vorhänge zuzieht. Diese schützen vor der Sonne und vor zu viel Realität. Doch die Realität dringt sehr eklig in Mias Leben in Form einer toten Ratte ein. Wie gut, dass man sich vor der Realität ins Internet flüchten kann. Pech nur, wenn einen auch dort die fiese Realität in Gestalt von Mias todkrankem Vater per E-Mail einholt.
Vielleicht ist die ausweglose Situation ihres Vaters der Knackpunkt, der Mias Allmachtsfantasien triggert. Wenn sie schon den Vater nicht retten kann, dann will Mia wenigstens eben schnell noch einmal die Welt retten. Spätestens auf der Geburtstagsparty ihres Vaters ist auch klar, dass Mia nicht mehr cool, sondern nur noch fürchterlich nervig ist. Selbstverständlich sieht Mia das jedoch völlig anders.
In dem Presseheft zum Film verweist die Regisseurin und Co-Autorin Ziska Riemann auf die Auffassung, dass die Manie „die schönste Krankheit der Welt“ sei. Ebenso zitiert sie eine Aussage aus der Dokumentation Stephen Fry: The Secret Life Of The Maniac Depressive. In dieser Doku fragt Stephen Fry seine Protagonisten: »Wenn jetzt hier vor dir ein Gerät stünde mit einem Knopf, um die Krankheit ein für alle Mal loszuwerden, würdest du drauf drücken?« Er erntet nur ein kräftiges Kopfschütteln.
Electric Girl zeigt jedoch, dass der manische Rausch auch seine starken Schattenseiten hat. Zwar versinkt Mia am Ende nicht so wie viele andere Manische in abgrundtiefen Depressionen. Dafür versinkt sie im Wasser. Was könnte Passender sein? Schließlich erschien sie bereits von Anfang an, wie eine unter Wasser Wandelnde (artechock.de).
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Mo. 20:00
REBELLINNEN - Leg dich nicht mit ihnen an!  frz. OmU
Rebelles – F 2018, 87 Min., Regie: Allan Mauduit
mit Cécile De France, Audrey Lamy, Yolande Moreau
„Tarantino Light“ - derber, schwarzer Humor trifft auf ausgelassene Action, ein unterhaltsamer Krimi-Spaß über eine Gangsterkarriere wider Willen
Trailer zu REBELLINNEN - Leg dich nicht mit ihnen an!
Weiterlesen... Hierzulande passiert es ja aktuell eher selten, dass Filmprotagonisten aus der klassischen Arbeiterschicht kommen. Im französischsprachigen Kino ist derlei allerdings ganz normal und keineswegs als Kassengift verschrien. Der Drehbuchautor Allan Mauduit liefert als sein Debüt als Solo-Regisseur nun eine furios zwischen Sozialdrama, schwarzhumorigem Slapstick und Räuberpistole mit beachtlichem Bodycount changierende Geschichte um drei Fließbandarbeiterinnen. Bei den gallischen Kinogängern konnte er damit einen veritablen Hit landen. Knapp eine Million Menschen kauften in unserem Nachbarland ein Ticket für den einerseits die verzweifelte wirtschaftliche Lage vieler Menschen in der Provinz anprangernden, sich andererseits aber auch mit abgefahrenen Situationen und trockenhumorigen Dialogen vor Tarantino & Co. verneigenden „Rebellinnen“. Da sie obendrein noch derzeit allgegenwärtige Themen wie männlichen Chauvinismus und sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz auf unverkrampfte Weise aufgreift, hat die Krimikomödie tatsächlich Potenzial, auch in Deutschland mehr als nur das frankophile Nischenpublikum anzulocken.
Zum wiederholten Mal wird Sandra (Cécile de France) von ihrem reichen Mann verprügelt. Also lässt sie ihr Leben in Saus und Braus hinter sich, um in ihr provinzielles Heimatkaff in Nordfrankreich zurückzukehren. Da die Ex-Schönheitskönigin dringend Geld braucht, heuert sie als Aushilfe bei dem einzigen Arbeitgeber an, den es in der strukturschwachen Gegend gibt: einer Fischkonservenfabrik. Schon am zweiten Tag wird der Vorarbeiter (Patrick Ridremont) gegenüber der selbst mit Kittel, Haarnetz und Gummistiefeln attraktiven Sandra zudringlich; was für ihn allerdings schmerzhaft endet. Als sie und ihre zufällig dazugekommenen Kolleginnen Nadine (Yolande Moreau) und Audrey (Audrey Lamy) sich um den Schwerverletzten zu kümmern versuchen, entdecken sie, dass der eine Sporttasche voller Drogengeld bei sich hat. Für die drei Frauen eine einmalige Chance, um endlich aus ihrer finanziell aussichtslosen Situation herauszukommen...
Wie werde ich eine Leiche los, um nicht in den Knast zu wandern? Was im wahren Leben zweifellos für schlaflose Nächte sorgen dürfte, ist im Kino gerade deshalb eine immer wieder interessante Frage – egal ob es sich um einen knallharten Thriller oder eine etwas schräge Komödie handelt. In diesem Fall liegt die Antwort freilich auf der Hand. Die drei Hauptfiguren verarbeiten den von Patrick Ridremont während seines kurzen Auftritts herrlich schmierig und eklig unsympathisch verkörperten Schichtleiter Jean-Mi zu Dosenfutter. Damit sorgen sie beim Zuschauer gleich für vielleicht etwas derbe, aber doch wohlverdiente Schadenfreude. Wobei man die auch vorher schon haben konnte, als Jean-Mi – noch bei lebendigem Leib – sein bestes Stück abhandenkommt, welches die in derlei Situationen herzlich unerfahrenen Sandra, Nadine und Audrey anschließend sorglos auf seinem Schreibtisch herumliegen lassen.
Eine echte Frauenfreundschaft
Dass sie trotz reichlich Motivation als Verbrecher eigentlich völlig ungeeignet sind, beweisen die drei ungleichen Ladys auch anschließend noch mehrfach. Doch nicht nur hier, sondern auch während einiger etwas ernsthafterer Momente während der wie im Fluge vergehenden 87 Minuten ist de France und ihren Kolleginnen Audrey Lamy und Yolande Moreau anzumerken, wie viel Spaß sie an ihren Parts haben. Was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass es für alle – ein Blick auf die individuellen Filmografien der letzten Jahre bestätigt das – sicher nicht alltäglich ist, einen Dreh mit dermaßen vielen Stunts, Verfolgungsjagden und Schießereien zu absolvieren. Das so enthusiastisch aufspielende Darstellerinnen-Trio verkörpert in diesem an vielen Stellen natürlich gnadenlos überzogenen Rahmen glaubhaft eine Gruppe Frauen, die sich von gegenseitigen Zickereien über eine Zweckgemeinschaft zu echten Freundinnen entwickelt. Da verhindern selbst einige logische Flüchtigkeitsfehler und gelegentlich kuriose anmutende Sprünge in Mauduits Skript nicht, dass das Gefühl der wonnevollen Komplizenschaft schnell auf den Zuschauer überspringt (filmstarts.de).
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