Das Kinoptikum zeigt am 12.10.

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Sa. 15:30
ROCCA VERÄNDERT DIE WELT
KinderKino – D 2019, 101 Min., Regie: Katja Benrath
mit Luna Marie Maxeiner, Barbara Sukowa, Fahri Yardim
Zum Heulen schön – und verdammt spaßig noch dazu (empf. ab 8 Jahren)!
Trailer zu ROCCA VERÄNDERT DIE WELT
Weiterlesen... Die ebenso kluge wie mutige Rocca ist erst 11 Jahre alt und lebt trotzdem ganz alleine in einem Haus in Hamburg. Doch damit sind sowohl ihre Lehrer als auch die örtlichen Behörden überhaupt nicht einverstanden. Doch das Mädchen kämpft für sein selbstbestimmtes Leben und beweist, dass auch ein Kind die Kraft hat, die Welt zu verändern. Diese moderne Version von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf ist ein zauberhafter Film, der einem jungen Publikum auch als Leitfaden dienen und inspirieren kann, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ausblenden

Sa. 18:30
ERDE
KlimaZeit – Ö 2019, 115 Min., Regie: Nikolaus Geyrhalter
Die Welt im Umbruch und das im wörtlichen Sinn: Es wird gebohrt, gekratzt, gesprengt. Eine sinnliche Rundumsicht des immensen Raubaus und der materiellen Attacken auf die verletzliche Hülle unseres Planeten.
Trailer zu ERDE
Weiterlesen... 60:156 – mit diesem abstrakten Verhältnis setzt Nikolaus Geyrhalters Erde ein. 60 Millionen Tonnen Erde, so informiert uns eine Texteinblendung, werden täglich durch natürliche Prozesse verschoben und verlagert, 156 Millionen Tonnen jedoch durch menschlichen Einfluss. Eine knappe Information, die jedoch den doppelten Fokus von Geyrhalters Film deutlich macht: Zum einen geht es ihm um jenen unheimlichen Prozess, durch den scheinbar autonome Entscheidungen einzelner Menschen zu etwas völlig Unmenschlichem verschmelzen: zu einer blinden geologischen Kraft. Zum anderen betont Erde immer wieder das Missverhältnis zwischen dem Denk- und Vorstellungsvermögen des Menschen und seinen technisch unterstützten Handlungsmöglichkeiten. Der Mensch versetzt Berge, die er mit seinen Blicken gar nicht richtig erfassen kann, und formt Lebenswelten um, deren Jahrmillionen umspannende Entstehung seinen eigenen Erlebnishorizont exponenziell übersteigt. Aus freien Stücken und scheinbar auf dem Höhepunkt seiner eigenen Fähigkeiten überantwortet sich der Mensch so einer Dynamik, in der menschliche Maßstäbe keinerlei Rolle mehr spielen – die absolute Selbstbehauptung des Menschen entpuppt sich als durchgreifende Selbstauslöschung.
Die Hilflosigkeit der technischen Übermacht
Um diese gespensterhafte Entmenschlichung zu erkunden, reist Geyrhalters Film an verschiedene Orte, an denen mit monumentaler Übermacht in die äußere Form und die innere Struktur der Erde eingegriffen wird – von einem Landschafts-Planierprojekt in Kalifornien über den Bau des Brenner-Basistunnels in Tirol bis hin zu einem Tagebau zur Ölsandgewinnung in Kanada. Ruhig und mit einer stellenweise strengen Distanziertheit beobachtet der Film sowohl die Bewegungen der massiven Maschinen als auch das akkurate Ineinandergreifen der einzelnen Arbeitsprozesse, lässt aber auch verschiedene Menschen, die an diesen Großprojekten beteiligt sind, ausführlich zu Wort kommen. Am Eindringlichsten ist Erde dabei in seinen frühen Segmenten, wenn der Widerspruch zwischen menschlichem und geologischem Bezugsrahmen sich noch ganz unmittelbar auf visueller Ebene entfaltet. Da arbeitet sich dann etwa ein Kohlebagger, so groß wie ein Stadtviertel, langsam durch das ungarische Erdreich. Nicht die Größe ist das Unheimliche dieser Erscheinung, sondern die Tatsache, dass diese mächtige, so tief in die Gestalt der Landschaft eingreifende Maschine von gerade mal zwei Menschen bedient zu werden scheint. An anderer Stelle reiht sich die Kamera in eine Prozession brummender Ladebagger ein, die alle im gleichen Takt tonnenweise Erde in ihr Inneres aufnehmen, um sie dann ein paar hundert Meter weiter wieder abzuwerfen – ein scheinbar vollkommen autonomer Vorgang, bei dem die Menschen in den Fahrerkabinen zu unbeteiligten Passagieren geworden sind. Das laute Rattern der Bagger wie auch die stille Ödnis des ungarischen Tagebaus, sie haben in "Erde" beide die gleiche Wirkung: In ihrer inneren Gleichförmigkeit lösen sich die individuellen Motivationen und persönlichen Entscheidungen der Menschen vollkommen auf und werden in jeder Hinsicht gegenstandslos.
Ein rhetorisches Händeringen
Doch im Laufe des Films verlagert sich das rhetorische Moment von Erde mehr und mehr von der bildlichen auf die sprachliche Ebene – die Empörung äußert sich dann nicht in dem visuellen Zusammenstoß zweier unvereinbarer Größenordnungen, sondern in einem zunehmend polemischen Arrangement der auch zeitlich immer dominanter werdenden Interviews. Diese Selbstdeutungen werden sich immer ähnlicher, sowohl inhaltlich als auch in ihren sprachlichen Motiven, bis sie schließlich ganz einer klaren Dichotomie untergeordnet werden: Auf der einen Seite steht dabei eine personifizierte Natur, die freiwillig das gibt, was der Mensch zum Leben braucht, die aber dann zum Opfer gieriger Übergriffe wird, gegen die sie sich nur notdürftig zur Wehr setzen kann. Und auf der anderen Seite steht der Mensch, der aus der Geschichte nichts gelernt hat und der sich entweder höhnisch an seinem Zerstörungswerk erfreut oder es achselzuckend für unausweichlich erklärt. So synchron sind die Äußerungen der ansonsten sehr verschiedenen Interviewpartner schließlich, dass ihre Worte nur mehr als Antworten auf die immergleiche Suggestivfrage erscheinen, die da lautet: Fühlen Sie sich denn eigentlich nicht schuldig, der Erde ein so unsägliches Leid anzutun?
Diese Art der händeringenden Verzweiflung über die Amoralität und Lernunfähigkeit des Menschen wie auch die wiederholten Verweise auf einen früheren, im Paläolithikum angesiedelten Zustand der Harmonie, in dem der Mensch im Einklang mit der Natur lebte und sogar die Tiere, die er tötete, zuvor noch um Vergebung bat – sie erscheinen irgendwann allzu schematisch, um den Widersprüchen eines durchtechnisierten globalen Wirtschaftssystems gerecht zu werden, die uns in den Anfangssequenzen des Films drastisch vor Augen geführt werden. Indem Erde versucht, die Spannung zwischen dem menschlichen Handeln und seinen geologischen Auswirkungen in einen verständlichen Rahmen einzufassen, verliert er das grundlegende Merkmal dieser Spannung aus den Augen: ihre fundamentale Unverständlichkeit. Denn nicht, dass der Mensch die Natur tatsächlich kaputtmacht, ist das Ungeheuerliche, sondern dass er sich überhaupt anmaßt, in Prozesse einzugreifen, die er nicht verstehen, nicht vorherbestimmen und schon gar nicht kontrollieren kann. Diese Anmaßung ist die eigentliche Sauerei – und sie ist es auch dann noch, wenn alles gut gehen sollte (critic.de).
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Sa. 21:00
ELECTRIC GIRL
Cinema Obscure – D 2018, 89 Min., Regie: Ziska Riemann
mit Victoria Schulz, Hans-Jochen Wagner, Svenja Jung, Florian Stetter, Jytte-Merle Böhrnsen
Die neuen Wilden voll unter Strom, es strotzt nur so vor Einfällen und Energie und Lust am Erzählen.
Trailer zu ELECTRIC GIRL
Weiterlesen... Die Poetry-Slammerin Mia erhält die Chance, die Anime-Heldin Kimiko zu synchronisieren. Je länger Mia diesen neuen Job ausübt, desto stärker identifiziert sie sich mit der japanischen Weltenretterin. Bei ihrem Nebenjob als Barfrau ahmt Mia Kimikos Bewegungen nach und auf einer Party springt Mia wie Kimiko von einem Dach. Irgendwann meint Mias verspulter Nachbar Kristof, dass Mia krank sei. Doch wie kam es dazu?
Mia ist ähnlich hyperaktiv wie die zu Vanilla mutierte Maggie in "Tiger Girl". Doch selbst in ihren wildesten Ausbrüchen wirkt Mia immer ein Stück weit wie auf Valium. Selbst wenn sie wild herumwirbelt, erscheint sie wie auf Watte zu wandeln. Das hat zum einen sicherlich mit ihrer Identifikation mit der Anime-Figur Kimiko zu tun. Auch diese bewegt sich schnell, aber dabei äußerst geschmeidig. Es zeigt aber auch, wie Mia immer stärker von der Realität entrückt, wie sie immer mehr in den Wahn abgleitet.
Beide Bewegungen treffen zusammen, als Mia hinter dem Bartresen in die Rolle von Kimiko schlüpft. Voller Energie streckt sie ihre Arme aus, bis sie eine Heldenpose einnimmt. Doch anstatt übersteigert herumzufuchteln, führt Mia sanft gleitende Bewegungen aus, die sich exakt mit denen von Kimiko in ihren Animeabenteuern deckt. Diese flüssigen Bewegungen sind ein Ausdruck von Kimikos Kontrolle und Kraft. Immerhin kann KImiko die Elektrizität kontrollieren. Zugleich spiegeln Mias sanft gleitende Bewegungen jedoch auch ihr allmähliches Abgleiten in die Manie.
Es ist erstaunlich, dass man bei Electric Girl keinen exakten Zeitpunkt ausmachen kann, an dem Mias selbstbewusstes Agieren in die Psychose kippt. Eben war sie noch cool, dann ist sie auch schon krank. Aber wann das eine aufhört und das andere anfängt, lässt sich nicht wirklich sagen. Mia dreht auf und dann dreht sie durch. Mia hat die komplette Kontrolle und Mia ist komplett durchgeknallt. Dass der Zeitpunkt, an dem Mia den Kontakt zur Realität verliert, nicht klar auszumachen ist, liegt auch daran, dass Mia von Anfang an leicht entrückt ist. Die Stimmung in Electric Girl hat zu Beginn nichts Elektrifiziertes. Mia wirkt ein Stück weit wie das Kiemenwesen in Guillermo del Toros Shape of Water – Das Flüstern des Wassers – sie scheint wie unter Wasser zu schweben. Es beginnt mit der Weltentrücktheit ihrer Arbeit im Synchronisationsstudio. Hier verschwindet Mia in Kimikos Comicwelt. Und zum Ausgleich geht sie auf Partys, auf denen die Menschen anderweitig der Welt entrücken.
Das Scharnier zwischen der Comicwelt und der Partywelt bildet Mias Wohnung. Obwohl diese ziemlich gewöhnlich ist, verwandelt Mia auch sie in einen Rückzugsort von der Realität. Kaum ist sie zu Hause angekommen, blendet sie die Außenwelt aus, indem sie die Vorhänge zuzieht. Diese schützen vor der Sonne und vor zu viel Realität. Doch die Realität dringt sehr eklig in Mias Leben in Form einer toten Ratte ein. Wie gut, dass man sich vor der Realität ins Internet flüchten kann. Pech nur, wenn einen auch dort die fiese Realität in Gestalt von Mias todkrankem Vater per E-Mail einholt.
Vielleicht ist die ausweglose Situation ihres Vaters der Knackpunkt, der Mias Allmachtsfantasien triggert. Wenn sie schon den Vater nicht retten kann, dann will Mia wenigstens eben schnell noch einmal die Welt retten. Spätestens auf der Geburtstagsparty ihres Vaters ist auch klar, dass Mia nicht mehr cool, sondern nur noch fürchterlich nervig ist. Selbstverständlich sieht Mia das jedoch völlig anders.
In dem Presseheft zum Film verweist die Regisseurin und Co-Autorin Ziska Riemann auf die Auffassung, dass die Manie „die schönste Krankheit der Welt“ sei. Ebenso zitiert sie eine Aussage aus der Dokumentation Stephen Fry: The Secret Life Of The Maniac Depressive. In dieser Doku fragt Stephen Fry seine Protagonisten: »Wenn jetzt hier vor dir ein Gerät stünde mit einem Knopf, um die Krankheit ein für alle Mal loszuwerden, würdest du drauf drücken?« Er erntet nur ein kräftiges Kopfschütteln.
Electric Girl zeigt jedoch, dass der manische Rausch auch seine starken Schattenseiten hat. Zwar versinkt Mia am Ende nicht so wie viele andere Manische in abgrundtiefen Depressionen. Dafür versinkt sie im Wasser. Was könnte Passender sein? Schließlich erschien sie bereits von Anfang an, wie eine unter Wasser Wandelnde (artechock.de).
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