Das Kinoptikum zeigt am 10.10.

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Do. 18:30
TEL AVIV ON FIRE
LUX/F/ISR/B 2018, 97 Min., Regie: Sameh Zoabi
mit Kais Nashif, Lubna Azabal, Maisa Abd Elhadi
Der Nahostkonflikt zum Lachen? Diese gelungene Verwandlung einer tragischen Geschichte in eine doppelbödige, leichte Komödie beweist es über alle politischen Grenzen.
Trailer zu TEL AVIV ON FIRE
Weiterlesen... Die beiden ersten Spielfilme von Sameh Zoabi habe man im Ausland kaum wahrgenommen, sagte der Regisseur bei der Premiere auf dem Filmfest München 2019. Mit „Tel Aviv on Fire“ habe er aber wohl den richtigen Nerv getroffen, wenn er eine absurde und deshalb so witzige Geschichte über eine gleichnamige Fernsehserie erzählt, die Israelis wie Palästinenser gleichermaßen bewegt.
Die Hauptfigur Salam Abbass hat noch nie etwas recht hinbekommen, weder beruflich noch privat. Aktuell darf Salam als Produktionsassistent bei den Dreharbeiten der beliebten Fernsehserie Tel Aviv on Fire dabei sein, allerdings weniger seiner Fähigkeiten wegen als deswegen, weil er der Neffe des Ideengebers der Serie ist. Salam kann Hebräisch, und weil er einen Dialogsatz so verändert, dass er der Hauptdarstellerin Tala, einer bekannten Schauspielerin aus Frankreich, besser gefällt, erhält er die Chance, am Drehbuch mitzuarbeiten und schließlich die Rolle des Autors zu übernehmen.
Jeden Abend vereint Tel Aviv on Fire das israelische und das palästinensische Publikum vor den Bildschirmen. Beide verfolgen mit Lust die Geschichte einer palästinensischen Spionin, die dabei ist, sich in einen israelischen Kommandeur zu verlieben. Die Serie ist romantisch bis schnulzig und zieht vor allem das weibliche Publikum an. Der Palästinenser Salam soll nun die Dialoge schreiben und tut sich sichtlich schwer. Gut, dass er jeden Tag die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland passieren muss – denn in Grenzkommandeur Assi hat er einen Verbündeten.
Assi selbst hat die Soap noch nie gesehen, seine Frau aber ist ein großer Fan von Tel Aviv on Fire. Und weil er diese beeindrucken will, schreibt er das Drehbuch, das in seine Hände gelangt, um – und plötzlich feiert die Serie Einschaltrekorde und lockt auch die Herren vor die Bildschirme. Fortan basteln Assi und Salam gemeinsam an den nächsten Folgen der Serie – getrieben von eigenen Zielen und Vorlieben, beeinflusst vom jeweils eigenen Leben und den Gesprächen, die sie mit ihren Liebsten führen. Schon die Grundkonstellation von Tel Aviv on Fire ist genial, mit Leben gefüllt wird der Film aber von den kleinen Einfällen und einem humorvollen Blick auf den Nahostkonflikt. Der Film nimmt die Situation ernst, aber er spielt damit und findet dabei genau den richtigen Ton, um sein Publikum zum Lachen zu bringen, ohne sich über die eine oder andere Seite lächerlich zu machen. Letztendlich bedient sich der Regisseur derselben Mittel wie seine Figuren – oder natürlich andersherum: Er lässt seine Figuren so agieren, wie er es selbst tun würde: Die Liebe und die Sehnsucht nach Romantik und Harmonie über politische Befindlichkeiten zu stellen.
Darüber hinaus überzeugt Tel Aviv on Fire mit einem grandiosen Situations- und Dialogwitz, den Sameh Zoabi auch bis zum Schluss durchhalten kann. Sein Arrangement von Worten und Situationen wirkt wie ein federleichtes Spiel: Er nimmt einen Satz auf und lässt ihn drei Szenen später wieder aufpoppen, schafft dadurch Beziehungen und Situationen, die gut, mal schön, mal genial und mal lustig sind. Ob Feigen oder Tomaten die Früchte der Liebe sind, diskutiert Salam zunächst mit seiner Nachbarin Mariam (Maisa Abd Elhadi), mit der er einst zusammen war und die er nun wieder für sich gewinnen will. Und das erreicht er auch dadurch, dass er die Diskussion als Dialog seiner Figuren in Tel Aviv on Fire aufnimmt und seine Figuren für sich sprechen lässt – womit er gleichzeitig die Herzen seiner Zuschauer rührt und nicht nur das von Mariam.
Tel Aviv on Fire ist eine gewitzte Komödie, deren Festivalerfolge nicht erstaunen und die sich wunderbar für den Kinosommer eignet: erfrischend und schlau, romantisch und ein bisschen melancholisch. Auf dass sich der Film lange in den deutschen Kinos halte (kinozeit.de).
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Do. 21:00
ERDE
KlimaZeit – Ö 2019, 115 Min., Regie: Nikolaus Geyrhalter
Die Welt im Umbruch und das im wörtlichen Sinn: Es wird gebohrt, gekratzt, gesprengt. Eine sinnliche Rundumsicht des immensen Raubaus und der materiellen Attacken auf die verletzliche Hülle unseres Planeten.
Trailer zu ERDE
Weiterlesen... 60:156 – mit diesem abstrakten Verhältnis setzt Nikolaus Geyrhalters Erde ein. 60 Millionen Tonnen Erde, so informiert uns eine Texteinblendung, werden täglich durch natürliche Prozesse verschoben und verlagert, 156 Millionen Tonnen jedoch durch menschlichen Einfluss. Eine knappe Information, die jedoch den doppelten Fokus von Geyrhalters Film deutlich macht: Zum einen geht es ihm um jenen unheimlichen Prozess, durch den scheinbar autonome Entscheidungen einzelner Menschen zu etwas völlig Unmenschlichem verschmelzen: zu einer blinden geologischen Kraft. Zum anderen betont Erde immer wieder das Missverhältnis zwischen dem Denk- und Vorstellungsvermögen des Menschen und seinen technisch unterstützten Handlungsmöglichkeiten. Der Mensch versetzt Berge, die er mit seinen Blicken gar nicht richtig erfassen kann, und formt Lebenswelten um, deren Jahrmillionen umspannende Entstehung seinen eigenen Erlebnishorizont exponenziell übersteigt. Aus freien Stücken und scheinbar auf dem Höhepunkt seiner eigenen Fähigkeiten überantwortet sich der Mensch so einer Dynamik, in der menschliche Maßstäbe keinerlei Rolle mehr spielen – die absolute Selbstbehauptung des Menschen entpuppt sich als durchgreifende Selbstauslöschung.
Die Hilflosigkeit der technischen Übermacht
Um diese gespensterhafte Entmenschlichung zu erkunden, reist Geyrhalters Film an verschiedene Orte, an denen mit monumentaler Übermacht in die äußere Form und die innere Struktur der Erde eingegriffen wird – von einem Landschafts-Planierprojekt in Kalifornien über den Bau des Brenner-Basistunnels in Tirol bis hin zu einem Tagebau zur Ölsandgewinnung in Kanada. Ruhig und mit einer stellenweise strengen Distanziertheit beobachtet der Film sowohl die Bewegungen der massiven Maschinen als auch das akkurate Ineinandergreifen der einzelnen Arbeitsprozesse, lässt aber auch verschiedene Menschen, die an diesen Großprojekten beteiligt sind, ausführlich zu Wort kommen. Am Eindringlichsten ist Erde dabei in seinen frühen Segmenten, wenn der Widerspruch zwischen menschlichem und geologischem Bezugsrahmen sich noch ganz unmittelbar auf visueller Ebene entfaltet. Da arbeitet sich dann etwa ein Kohlebagger, so groß wie ein Stadtviertel, langsam durch das ungarische Erdreich. Nicht die Größe ist das Unheimliche dieser Erscheinung, sondern die Tatsache, dass diese mächtige, so tief in die Gestalt der Landschaft eingreifende Maschine von gerade mal zwei Menschen bedient zu werden scheint. An anderer Stelle reiht sich die Kamera in eine Prozession brummender Ladebagger ein, die alle im gleichen Takt tonnenweise Erde in ihr Inneres aufnehmen, um sie dann ein paar hundert Meter weiter wieder abzuwerfen – ein scheinbar vollkommen autonomer Vorgang, bei dem die Menschen in den Fahrerkabinen zu unbeteiligten Passagieren geworden sind. Das laute Rattern der Bagger wie auch die stille Ödnis des ungarischen Tagebaus, sie haben in "Erde" beide die gleiche Wirkung: In ihrer inneren Gleichförmigkeit lösen sich die individuellen Motivationen und persönlichen Entscheidungen der Menschen vollkommen auf und werden in jeder Hinsicht gegenstandslos.
Ein rhetorisches Händeringen
Doch im Laufe des Films verlagert sich das rhetorische Moment von Erde mehr und mehr von der bildlichen auf die sprachliche Ebene – die Empörung äußert sich dann nicht in dem visuellen Zusammenstoß zweier unvereinbarer Größenordnungen, sondern in einem zunehmend polemischen Arrangement der auch zeitlich immer dominanter werdenden Interviews. Diese Selbstdeutungen werden sich immer ähnlicher, sowohl inhaltlich als auch in ihren sprachlichen Motiven, bis sie schließlich ganz einer klaren Dichotomie untergeordnet werden: Auf der einen Seite steht dabei eine personifizierte Natur, die freiwillig das gibt, was der Mensch zum Leben braucht, die aber dann zum Opfer gieriger Übergriffe wird, gegen die sie sich nur notdürftig zur Wehr setzen kann. Und auf der anderen Seite steht der Mensch, der aus der Geschichte nichts gelernt hat und der sich entweder höhnisch an seinem Zerstörungswerk erfreut oder es achselzuckend für unausweichlich erklärt. So synchron sind die Äußerungen der ansonsten sehr verschiedenen Interviewpartner schließlich, dass ihre Worte nur mehr als Antworten auf die immergleiche Suggestivfrage erscheinen, die da lautet: Fühlen Sie sich denn eigentlich nicht schuldig, der Erde ein so unsägliches Leid anzutun?
Diese Art der händeringenden Verzweiflung über die Amoralität und Lernunfähigkeit des Menschen wie auch die wiederholten Verweise auf einen früheren, im Paläolithikum angesiedelten Zustand der Harmonie, in dem der Mensch im Einklang mit der Natur lebte und sogar die Tiere, die er tötete, zuvor noch um Vergebung bat – sie erscheinen irgendwann allzu schematisch, um den Widersprüchen eines durchtechnisierten globalen Wirtschaftssystems gerecht zu werden, die uns in den Anfangssequenzen des Films drastisch vor Augen geführt werden. Indem Erde versucht, die Spannung zwischen dem menschlichen Handeln und seinen geologischen Auswirkungen in einen verständlichen Rahmen einzufassen, verliert er das grundlegende Merkmal dieser Spannung aus den Augen: ihre fundamentale Unverständlichkeit. Denn nicht, dass der Mensch die Natur tatsächlich kaputtmacht, ist das Ungeheuerliche, sondern dass er sich überhaupt anmaßt, in Prozesse einzugreifen, die er nicht verstehen, nicht vorherbestimmen und schon gar nicht kontrollieren kann. Diese Anmaßung ist die eigentliche Sauerei – und sie ist es auch dann noch, wenn alles gut gehen sollte (critic.de).
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