Das Kinoptikum zeigt am 8.10.

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Di. 18:30
NEWCOMERS
Interkulturelle Wochen 2019 – D 2018, 63 Min., Regie: Ma’an Mouslli
Jetzt reden wir: Menschliche Geschichten hinter den täglichen Nachrichten über Flucht, Krieg und Gewalt. Ein Gefüge von Seelenbildern. Verstörend emotional. Schmerzhaft offen.
Trailer zu NEWCOMERS
Weiterlesen... Nicht „Flüchtlinge“, sondern „Newcomers/Neuankömmlinge“ macht dieser Film zum Thema und läßt sie von ihrem Schicksal direkt in die Kamera erzählen. Auch der Regisseur selbst ist ein Newcomer, der 2014 aus Syrien nach Deutschland oder besser gesagt: nach Osnabrück gekommen ist. Diese genaue Ortsangabe ist hier wichtig und ganz in Mousllis Sinne, denn sein Film hat 29 Flüchtlinge aus acht verschiedenen Ländern als Protagonisten, aber unter deren Namen stehen nicht etwa ihre Herkunftsländer, sondern die Namen der deutschen Städte, in denen sie heute leben. Wenn dort Iran, Afghanistan, Palästina, der Sudan oder die DDR stehen würde, dann könnte man sie gleich genau verorten und all das Vorwissen über die Konflikte in ihren Herkunftsländern wurden den Blick auf das Wesentliche trüben.
Denn Mouslli will von der Flucht als einer universellen Erfahrung erzählen, und so fügt er Fragmente aus den Erzählungen seiner 29 Gesprächspartner und -partnerinnen zu Kapiteln mit Titeln wie „Verlorene Liebe“, „Rebellion und Tod“ und „Angst und Sehnsucht“ zusammen. Alle Sequenzen werden in der gleichen Einstellung gedreht: in extremer Nahaufnahme von den Köpfen mit einem schwarzen Hintergrund, bei der nichts davon ablenkt, in diese Gesichter und vor allem in diese Augen zu sehen.
Sogenannte „talking heads“ gelten in Dokumentarfilmen eigentlich als konventionell und stilistisch uninteressant. Aber hier sind sie genau das richtige Stilmittel, um das Interesse an den Menschen und ihren Geschichten zu wecken. Rechts oben stehen dann jeweils die Namen der Erzählenden und links unten die deutschen Untertitel. Diese Rahmung wird konsequent durchgehalten und zwischen den Kapiteln gibt es eine kleine Ruhepause mit Schweigen und Schwarzfilm. Diese kann manchmal ein paar Sekunden lang dauern, denn in „Newcomers“ wird zum Teil von schrecklichen Vorkommnissen erzählt, und Mouslli ist so klug, danach etwas Zeit zu lassen, um das Gehörte sacken zu lassen. Eine ähnliche Funktion hat auch die sanfte, sparsam eingesetzte Musik der syrischen Sängerin Dima Orsho, die inzwischen in den USA lebt, also für ihre Kompositionen aus den eigenen Erfahrungen schöpfen konnte.
Ma’an Mouslli hat etwa hundert in Deutschland lebende Flüchtlinge interviewt und dabei Aufnahmen von mehr als 400 Stunden gemacht. Zu den 29 ausgewählten Protagonisten zählen ein alter Mann und ein Kind, ein Gehörloser, ein Homosexueller, eine junge Afrikanerin und ein Mann, der durch einen Bombenangriff beide Arme verlor. Sie alle reden erstaunlich offen über persönliche Erfahrungen. Sie müssen viel Vertrauen zu Mouslli und seinem kleinen Filmteam gefasst haben. Da erzählt eine Deutsche davon, wie Flüchtlingsfrauen 1945 von russischen Soldaten vergewaltigt wurden und dass sie auf ihrer Flucht so hungrig war, dass sie heute noch oft an eine ihr geschenkte Griessuppe denken muss. Einige reden darüber, wie sie gefoltert wurden – andere, wie ihre Freunde und Familienangehörigen gestorben sind. Aber Mouslli weiß genau, wie viel er den Zuschauern zumuten kann. Und er arbeitet geschickt mit Kontrasten, sodass jede Geschichte wieder neu die Neugier weckt und sie sich alle zu einer Essenz der Flüchtlingserfahrung verdichten.
Darüber, wie schwierig die Reisen nach Deutschland waren, wird so gut wie nichts erzählt. Für Mouslli sind diese abenteuerlichen Geschichten, über die andere so gern berichten, nicht wichtig. Stattdessen erzählen seine Protagonisten von ihrem neuen Leben in Deutschland. Der hiesige alltägliche Rassismus wird dabei nicht spektakulär beschrieben, sondern eher subtil, wenn etwa eine junge afrikanische Frau schildert, wie ein älteres Ehepaar sich weigerte, ihr beim Einparken ihres Autos zu helfen.
„Newcomers“ hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Mouslli war in Syrien IT-Manager und wurde dann in Deutschland zum Filmemacher. Seine erste Dokumentation „Shakespeare in Zaatari“ drehte er über ein Theaterprojekt in einem Flüchtlingslager in Jordanien und zusammen mit einem Freund aus Syrien produzierte er eine Reihe von kurzen, witzigen Lehrfilmen für Flüchtlinge in Deutschland („Wie finde ich eine Wohnung?“ „Wie lerne ich die Sprache?“ ), die unter dem Titel „Achso from Osnabrueck“, auf Youtube zu sehen sind. In einer AG des Osnabrücker Zentrums für Flüchtlinge „Exil“ traf er dessen Geschäftsführerin Sara Höweler, mit der zusammen er dann das Konzept von „Newcomers“ entwickelte. Ohne Erfahrungen in diesem Metier wurde Höweler zur Filmproduzentin und begann im Januar 2016 mit dem Fundraising für das Projekt, das von Beginn an nichtkommerziell angelegt war. Stattdessen beteiligten sich zahlreiche Stiftungen und Firmen an der Finanzierung, sodass schließlich ein Budget von 130.000 Euro aufgebracht werden konnte (programmkino.de).
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Di. 21:00
TEL AVIV ON FIRE
LUX/F/ISR/B 2018, 97 Min., Regie: Sameh Zoabi
mit Kais Nashif, Lubna Azabal, Maisa Abd Elhadi
Der Nahostkonflikt zum Lachen? Diese gelungene Verwandlung einer tragischen Geschichte in eine doppelbödige, leichte Komödie beweist es über alle politischen Grenzen.
Trailer zu TEL AVIV ON FIRE
Weiterlesen... Die beiden ersten Spielfilme von Sameh Zoabi habe man im Ausland kaum wahrgenommen, sagte der Regisseur bei der Premiere auf dem Filmfest München 2019. Mit „Tel Aviv on Fire“ habe er aber wohl den richtigen Nerv getroffen, wenn er eine absurde und deshalb so witzige Geschichte über eine gleichnamige Fernsehserie erzählt, die Israelis wie Palästinenser gleichermaßen bewegt.
Die Hauptfigur Salam Abbass hat noch nie etwas recht hinbekommen, weder beruflich noch privat. Aktuell darf Salam als Produktionsassistent bei den Dreharbeiten der beliebten Fernsehserie Tel Aviv on Fire dabei sein, allerdings weniger seiner Fähigkeiten wegen als deswegen, weil er der Neffe des Ideengebers der Serie ist. Salam kann Hebräisch, und weil er einen Dialogsatz so verändert, dass er der Hauptdarstellerin Tala, einer bekannten Schauspielerin aus Frankreich, besser gefällt, erhält er die Chance, am Drehbuch mitzuarbeiten und schließlich die Rolle des Autors zu übernehmen.
Jeden Abend vereint Tel Aviv on Fire das israelische und das palästinensische Publikum vor den Bildschirmen. Beide verfolgen mit Lust die Geschichte einer palästinensischen Spionin, die dabei ist, sich in einen israelischen Kommandeur zu verlieben. Die Serie ist romantisch bis schnulzig und zieht vor allem das weibliche Publikum an. Der Palästinenser Salam soll nun die Dialoge schreiben und tut sich sichtlich schwer. Gut, dass er jeden Tag die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland passieren muss – denn in Grenzkommandeur Assi hat er einen Verbündeten.
Assi selbst hat die Soap noch nie gesehen, seine Frau aber ist ein großer Fan von Tel Aviv on Fire. Und weil er diese beeindrucken will, schreibt er das Drehbuch, das in seine Hände gelangt, um – und plötzlich feiert die Serie Einschaltrekorde und lockt auch die Herren vor die Bildschirme. Fortan basteln Assi und Salam gemeinsam an den nächsten Folgen der Serie – getrieben von eigenen Zielen und Vorlieben, beeinflusst vom jeweils eigenen Leben und den Gesprächen, die sie mit ihren Liebsten führen. Schon die Grundkonstellation von Tel Aviv on Fire ist genial, mit Leben gefüllt wird der Film aber von den kleinen Einfällen und einem humorvollen Blick auf den Nahostkonflikt. Der Film nimmt die Situation ernst, aber er spielt damit und findet dabei genau den richtigen Ton, um sein Publikum zum Lachen zu bringen, ohne sich über die eine oder andere Seite lächerlich zu machen. Letztendlich bedient sich der Regisseur derselben Mittel wie seine Figuren – oder natürlich andersherum: Er lässt seine Figuren so agieren, wie er es selbst tun würde: Die Liebe und die Sehnsucht nach Romantik und Harmonie über politische Befindlichkeiten zu stellen.
Darüber hinaus überzeugt Tel Aviv on Fire mit einem grandiosen Situations- und Dialogwitz, den Sameh Zoabi auch bis zum Schluss durchhalten kann. Sein Arrangement von Worten und Situationen wirkt wie ein federleichtes Spiel: Er nimmt einen Satz auf und lässt ihn drei Szenen später wieder aufpoppen, schafft dadurch Beziehungen und Situationen, die gut, mal schön, mal genial und mal lustig sind. Ob Feigen oder Tomaten die Früchte der Liebe sind, diskutiert Salam zunächst mit seiner Nachbarin Mariam (Maisa Abd Elhadi), mit der er einst zusammen war und die er nun wieder für sich gewinnen will. Und das erreicht er auch dadurch, dass er die Diskussion als Dialog seiner Figuren in Tel Aviv on Fire aufnimmt und seine Figuren für sich sprechen lässt – womit er gleichzeitig die Herzen seiner Zuschauer rührt und nicht nur das von Mariam.
Tel Aviv on Fire ist eine gewitzte Komödie, deren Festivalerfolge nicht erstaunen und die sich wunderbar für den Kinosommer eignet: erfrischend und schlau, romantisch und ein bisschen melancholisch. Auf dass sich der Film lange in den deutschen Kinos halte (kinozeit.de).
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