Am 24.7. im Kinoptikum

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Mi. 17:45
DIE KINDER DER UTOPIE
Pädoku – D 2019, 82 Min., Regie: Hubertus Siegert
Hochinteressante Langzeitbeobachtung vom Übergang aus dem Klassen- ins Erwachsenenleben.
Trailer zu DIE KINDER DER UTOPIE
Weiterlesen... Die ehemaligen Grundschüler/innen stehen inzwischen an der Schwelle zum Erwachsenenleben: Luca liebt die Fotografie und studiert Umweltwissenschaften, Dennis startet eine Karriere als Musical-Darsteller, Christian hat sein VWL-Studium abgebrochen und lang über seine Homosexualität gegrübelt, Marvin arbeitet in einer Werkstatt für versehrte Menschen und hat neuerdings den christlichen Glauben für sich entdeckt, Johanna macht eine Ausbildung zur Altenpflegerin, Natalie will ihr Praktikum in einer Großküche als Festanstellung fortführen und bei ihren Eltern ausziehen.
Am Anfang kehren die sechs Protagonist/innen gemeinsam an die alte Grundschule zurück. Der Blick auf das Vergangene spielt eine wichtige Rolle. Aufnahmen aus der Schulzeit (vermutlich teilweise aus Teil 1 und teilweise aus dem Rohmaterial) zeigen Achtsamkeitsübungen oder Theateraufführungen und regen die heute Erwachsenen zur Selbstreflexion an. Alle beschreiben das damals vorherrschende Klassengefühl als positiv. Die Rückschau kreist um die Frage, wie sich das Lernen in einer Inklusionsklasse in der Situation selbst angefühlt und auf das weitere Leben ausgewirkt hat.
Nach dem gemeinsamen Schulbesuch folgt Hubertus Siegert einer so simplen wie genialen Erzählstruktur: Als erste Protagonistin kommt Luca an die Reihe, bevor Dennis seine Screentime erhält – als Überleitung erfolgt jeweils ein Zweiertreffen, bei dem die wiederholte Eröffnungsfrage den Stein ins Rollen bringt: „Was machst du jetzt eigentlich?“ So entsteht ein Personenreigen, der am Ende passenderweise wieder in ein Gruppentreffen mündet.
Die Interviews finden in alltäglichen Situationen statt und wurden teils aus dem Off über die Bilder gelegt. Neben der Vergangenheit geht es zugleich um Pläne und Träume. Für die Zukunft. Die Aufnahmen sind – von vereinzelten Talking Heads abgesehen – durchweg stilvoll und im besten Sinn nüchtern. Leitmotivisch rückt Siegert immer wieder Smartphones, Laptops und andere Screens ins Bild, auf denen Videos aus der Grundschulzeit laufen. Dieser Kniff spiegelt auf elegante Weise die Verknüpfung mit dem Vorgänger „KlassenLeben“.
Manchmal ist „Die Kinder der Utopie“ etwas dröge, zumal der Gitarren-Score allzu besinnlich ausfällt. Ein hoch interessantes Projekt ist die Doku aber in jedem Fall. Am Ende schwebt die Kamera in die Höhe und schwenkt über Berlin – der Besuch von Luca, Dennis, Christian, Marvin, Johanna und Natalie ist vorerst vorbei. Schön wäre es, wenn Hubertus Siegert in ein paar Jahren noch mal nachschaut, wie es ihnen ergangen ist. (programmkino.de)
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Mi. 19:30
AMAR AMANDO  span. OmU
Amar Amando, Nidia y Juan – ARG 2018, 73 Min., Regie: Yael Szmulewicz
Die feurige und begeisternde Begegnung der 80-jährigen Nidia mit dem Tangosänger Juan Villareal.
Trailer zu AMAR AMANDO
Weiterlesen... Im Alter von 80 Jahren, nach einem langen Leben als Schullehrerin und Hausfrau, beschließt Nidia, Gesangsunterricht zu nehmen. Sie lernt den Tangosänger, Juan Villarreal (36) kennen, den sie mit ihrer Ausstrahlung und Persönlichkeit sofort für sich gewinnt. Von nun an besucht sie alle Tangoclubs in Buenos Aires. Sie singt mit der gleichen Intensität, mit der sie auch ihr Leben gestaltet. Allem verleiht sie ihre persönliche Note: ihrer eigenen Erscheinungsform, ihrer Beziehung zu den Menschen, die sie umgeben und ihrer Musik. Durch die mit Juan entstehende tiefe Bindung gelingt es ihr, die in ihrem Inneren schlummernde Begabung zu entdecken und die Künstlerin in ihr zum Erstrahlen zu bringen. Ausblenden

Mi. 21:00
IT FOLLOWS  OmU
Für Martin – USA 2014, 100 Min., Regie: David Robert Mitchell
mit Maika Monroe, Keir Gilchrist
Ein Glücksfall für das Genre, atmosphärisch und originell mit einem wahrlich unkeuschen Fluch im Nacken.
Trailer zu IT FOLLOWS
Weiterlesen... Das erste Mal mit dem neuen Freund zu schlafen, das sollte etwas ganz Besonderes für die 19-jährige Jay (Maika Monroe) werden. Und das wurde es auch, denn direkt im Anschluss wird sie von Hugh (Jake Weary) betäubt, gefesselt und muss von ihm erfahren, dass ihr nun ein eigenartiges Wesen folgen wird, das es auf ihr Leben abgesehen hat. Nur wenn sie nun mit jemand anderem schläft, kann sie den Fluch weitergeben, so seine Geschichte. Zunächst will Jay gar nicht glauben, was sie da hört, muss aber bald feststellen, dass das Erzählte wahr ist. Zusammen mit ihrer Schwester Kelly (Lili Sepe) und ihren Freunde Yara (Olivia Lucardi), Paul (Keir Gilchrist) und Greg (Daniel Zovatto) sucht sie nun nach einem Ausweg aus dem Schlamassel.

Wenn Teenies in Horrorfilmen Sex haben, unterschreiben sie damit normalerweise ihr Todesurteil. Denn dann dauert es nicht lange, bis der wahnsinnige Mörder um die Ecke kommt, ihnen die Kehlen durchschneidet oder auch mal in kleine Stücke hackt. Regisseur und Drehbuchautor David Robert Mitchell übernimmt diese Grundregel, wandelt sie jedoch auf eine ganz eigene, sehr originelle Weise ab. Denn die „Moral“ der Teenieslasherfilme – sei brav, enthaltsam, nimm weder Alkohol noch Drogen – funktioniert hier nicht: Hat der Infizierte keinen Sex, dann stirbt er. Damit ist It Follows Filmen wie Ring deutlich näher, wo ebenfalls ein Fluch an andere weitergegeben werden muss, um das eigene frühzeitige Ableben zu verhindern.
So wie beim japanischen Genreklassiker ist Mitchell zudem mehr an Atmosphäre gewohnt, weniger am bestialischen Abschlachten. Tatsächlich ist der Tod hier mehr eine diffuse Bedrohung, selten eine Realität: In It Follows stirbt letztendlich kaum jemand. Eigentlich dürfte das Ergebnis dann auch gar nicht wirklich spannend sein. Wie sollte auch, wenn das Böse hier in Gestalt eines normalen Menschen auftritt und so langsam läuft, dass so ziemlich jeder problemlos entkommen kann? Und was auch immer dieses Wesen ist, mehr als Laufen scheint da nicht drin zu sein. Da hat der Horrorfan schon deutlich Furchteinflößerendes gesehen.
Und doch gelingt dem amerikanischen Filmemacher bei seinem zweiten Langfilm das Kunststück, aus diesem handlungstechnisch spärlichen Szenario eine ganze Menge herauszuholen. Zum einen wäre da der Kniff, dass die unbekannte Bedrohung jede Gestalt annehmen kann, die es will, man also auch bei den Freunden auf den ersten Blick nie sicher sein kann, dass es wirklich sie sind. Zum anderen ist das Sounddesign meisterhaft: Die bedrohlich brummende Hintergrundmusik erinnert mit ihren Retro-Synthesizer-Spielereien an wohlige 80er-Jahre-Schocker zurück, als die Tricktechnik noch so einfach war, dass man eben mit anderen Mitteln das Nervenkostüm der Zuschauer bearbeiten musste. Und diese Mittel beherrscht Mitchell sehr gut – der dichte Klangteppich erinnert einen unentwegt daran, dass gleich etwas Furchtbares passieren könnte, selbst wenn es das nie tut.
Wer seine Horrorfilme gern etwas expliziter mag, könnte sich daran stören, auch Mitchells offensichtliches Desinteresse an jeglichen Erklärungen wird nicht überall positiv aufgenommen werden: Wer bei einer Bedrohung wissen muss, woher die eigentlich kommt, erfährt hier nichts. Und aus der Möglichkeit, beliebige Gestalten annehmen zu können, hätte man noch deutlich mehr herausholen können. Die meiste Zeit lässt er den gesichtslosen Verfolger als groteske Figur erscheinen, deren böse Absicht meilenweit zu sehen ist, was bei einem angeblich hoch intelligenten Wesen wohl kaum konsequent genannt werden kann. Aber auch wenn It Follows am Ende unter seinen Möglichkeiten bleibt, erinnert der originelle und atmosphärische Indiestreifen daran, dass es weder große Namen, noch aufwändige Computereffekte braucht, um Zuschauer an die Kinosessel zu fesseln, und stellt dabei mühelos lang erwartete Kollegen wie Poltergeist und Insidious: Chapter 3 in den Schatten. Wer dem Genre etwas abgewinnen kann, sollte sich die kleine Perle vom Fantasy Filmfest 2014 daher auf keinen Fall entgehen lassen. (film-rezensionen.de)
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