Am 26.5. im Kinoptikum

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So. 11:00
EIN GAUNER & GENTLEMAN  OmU/DF
The Old Man And The Gun – USA 2018, 93 Min., Regie: David Lowery
mit Robert Redford, Sissy Spacek, Casey Affleck, Tom Waits
Robert Redfords würdiges und elegantes Abschiedswerk (?) als einzig wahrer Gentleman-Gangster - am Mi und Fr OmU, sonst DF!
Trailer zu EIN GAUNER & GENTLEMAN
Weiterlesen... Der in die Jahre gekommene Bankräuber Forrest Tucker (Robert Redford) blickt auf eine bemerkenswerte Karriere als Ganove zurück: In der Vergangenheit war es ihm nicht nur zigfach gelungen, Banken um ihr Geld zu erleichtern. Auf die anschließenden Verhaftungen und Urteile ließ er über ein Dutzend Gefängnisausbrüche folgen. Sogar von der sagenumwobenen Insel Alcatraz gelang ihm die Flucht. Mittlerweile lebt er in einer Seniorenwohnanlage und wollte eigentlich mit seiner Bankräuberkarriere abschließen, doch noch immer juckt es ihm in den Fingern. Er stellt eine Gang aus Rentnern zusammen, mit denen er fortan eine Bank nach der anderen überfällt und dabei eine Menge Kohle macht. Als er dann auch noch die sympathische Pferdeliebhaberin Jewel (Sissy Spacek) kennenlernt, scheint sein Ruhestandsleben gesichert. Doch der ehrgeizige Detective John Hunt (Casey Affleck) ist fest entschlossen, der Ganovenbande das Handwerk zu legen…
Die Geschichte vom 18 Mal aus dem Gefängnis fliehenden Verbrecher klingt unglaubwürdig, bis man am Ende von „Ein Gauner & Gentleman“ erfährt, dass nichts davon den wahren Ereignissen um Forrest Tuckers unkonventionelle Lebensgeschichte hinzugedichtet wurde. Tucker gab es wirklich. Er lebte von 1920 bis 2004 und konnte zum Zeitpunkt seines Todes eine bemerkenswerte Lebensgeschichte vorweisen. Dabei kommt die ständige Bezeichnung „Ganove“, ein mittlerweile eher veraltetes Wort für Gangster, nicht von ungefähr, genauso wenig wie die im Filmtitel zusätzlich genannte Beschreibung des Gentlemans. „Ein Gauner & Gentleman“ erzählt nämlich nur in zweiter Instanz von den Banküberfällen an sich. Es geht vor allem um die dazu im direkten Kontrast stehende Attitüde der Räubergang, die es sich vor ihren Eskapaden zum Auftrag machte, niemals Gewalt anzuwenden oder psychischen Druck auf ihre Opfer auszuüben. Der Verweis auf die Waffe, ein Blick auf die Kasse und der höfliche Hinweis, dass den Angestellten nichts passieren würde, reichten Tucker und seinen Kumpanen aus, um an ihr Ziel zu gelangen. Das machte es den von einem solchen Verhalten überraschten Geschädigten im Nachhinein auch so schwer, konkrete Angaben zu den Tathergängen zu machen, sodass die Bande eine lange Zeit einfach nicht gefasst werden konnte.
„Ein Gauner & Gentleman“ balanciert allein schon durch dieses widersprüchliche Verhalten des im Mittelpunkt stehenden Antihelden genüsslich auf der Grenze zwischen Drama und Komödie. Die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der Tucker hier sein routiniertes Handwerk vollzieht, fördern nicht selten (im Anbetracht der Umstände) komische Situationen zutage, doch natürlich bleibt der Film letztlich eben doch das Porträt eines Gangsters. Die parallel zu den Überfällen stattfindende Ermittlerarbeit, in denen sich der solide von Casey Affleck („Manchester By The Sea“) verkörperte Detective John Hunt verbissen auf die Spur des Trios begibt, nimmt im Film nicht weniger Raum ein. Das ist wichtig, um Forrest Tuckers Taten nicht zu verklären und immer wieder deutlich zu machen, was und wem man hier eigentlich gerade zusieht. Ein wenig unter dem Radar läuft dagegen die aufkeimende Beziehung zwischen Tucker und Jewel, die zeitweise den Eindruck erweckt, dem rüstigen Rentner eher alibimäßig noch ein wenig Hintergrund zuzugestehen, um ihn nicht ausschließlich auf sein Dasein als Bankräuber zu reduzieren. Dafür macht es Spaß, „Carrie“-Star Sissy Spacek endlich mal wieder auf der Leinwand zu sehen.
Wenn man den Äußerungen Robert Redfords („Der Pferdeflüsterer“) Glauben schenkt, sieht man ihn übrigens hier das letzte Mal als Darsteller in einem Film, was die Hollywood Foreign Press übrigens vor einigen Wochen direkt mit einer Golden-Globe-Nominierung als „Bester Hauptdarsteller“ zu würdigen wusste. Diese Ankündigung ist Fluch und Segen zugleich: Sollte sich Redford tatsächlich aus der Schauspielerei zurückziehen, wäre „Ein Gauner & Gentleman“ die optimale Wahl, um von der Weltbühne abzutreten, denn bisweilen fühlt sich der Film auch ein wenig so an, als hätte man es hier mit einem „Best of Redford“ zu tun, in dem immer wieder auf frühere Stationen in der Karriere des Hollywoodstars Bezug genommen wird. Gleichzeitig war der gebürtige Kalifornier lange nicht mehr so stark. Es wäre schon schade, ihn nie wieder zu sehen. (programmkino.de)
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So. 20:30
WIR  OmU
Cinema ObscureUs – USA 2019, 120 Min., Regie: Jordan Peele
mit Lupita Nyong’o, Elisabeth Moss, Anna Diop
Symbolträchtiges Gruselkino über eine Familie, die im Ferienidyll den bösen Blick im eigenen Gesicht entdeckt.
Trailer zu WIR
Weiterlesen... Familie Wilson freut sich auf ihren langersehnten Urlaub. Adelaide (Lupita Nyong’o), ihr Ehemann Gabe (Winston Duke) sowie die beiden Kinder Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) fahren an einem sonnigen Wochenende nach Santa Cruz, um hier die Zeit am Strand zu genießen und endlich mal wieder ihre Freunde, die Tylers (Elisabeth Moss und Tim Heidecker), zu treffen. In ihrem Ferienhaus angekommen, fühlt sich Adelaide aber schon bald unwohl. „Wie eine große schwarze Wolke“ hängt eine Atmosphäre der Angst über ihr. Merkwürdige Zufälle häufen sich und als ihr Sohn für ein paar Minuten wie vom Erdboden verschwunden ist, entsteht in der besorgten Mutter der Wunsch, möglichst schnell wieder heimzufahren. Doch dazu soll es nicht kommen. Eines Nachts steht eine mit Scheren bewaffnete Familie in der Einfahrt der Wilsons. Vier Menschen, ein Ehepaar und zwei Kinder, die aussehen wie die Familie, die sie gerade überfallen, scheinen einen finsteren Plan zu verfolgen. Wer sind diese Doppelgänger und was haben sie vor?
Mit seinem Regiedebüt „Get Out“ gelang es dem eigentlich vorwiegend als Komiker bekannten Jordan Peele vor zwei Jahren, das Horrorkino um einen modernen Klassiker zu erweitern; um eine mit vielen komödiantischen Motiven versehene Satire auf eine – im wahrsten Sinne des Wortes – Schwarz-Weiß-Gesellschaft innerhalb der USA. Als kurze Zusammenfassung: In „Get Out“ tritt ein Afroamerikaner bei den Schwiegereltern seiner weißen Freundin an – und findet sich schon bald in einem Albtraum aus offen ausgelebtem Rassismus wieder. Peele versteht das Spiel mit Gegensätzen, mit dem Unausgesprochenen, der unterschwelligen Bedrohung. Doch dieses Unterschwellige hat er für „Wir“ nun abgelegt. Sicher auch, weil er jüngst erst zu Protokoll gab, ein wenig enttäuscht darüber gewesen zu sein, dass sich bei „Get Out“ nicht alle einig darüber waren, wirklich einen Horrorfilm zu sehen. Zu dominant sei hier der überzeichnende Humor, dabei sei der Filmemacher selbst ein riesiger Horrorfan und wollte vor allem eines: seinen Zuschauern Angst einjagen! Eines ist Peele gelungen: Im Falle von „Wir“ besteht nun ganz gewiss kein Zweifel mehr daran, welchem Genre der Film angehört. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass sich der erneut für Skript und Regie verantwortlich zeichnende Peele hier mit Einfältigkeit zufriedengibt; im Gegenteil. „Wir“ ist zwar unweit derber und auch direkter in seiner Horrormotivation, aber der Film hat es vor allem intellektuell in sich und ist ein faszinierendes Spiel mit Symboliken und Assoziationen.
Hasen, Ballerinen, Scheren, Handschuhe, oder auch einfach nur der sich wie ein roter Faden durch den Film ziehende Song „I Got 5 On it“ von Luniz – es ist ganz egal, an welchem Detail von „Wir“ man als Zuschauer ansetzt: Recherchiert man anschließend die symbolische Bedeutung der einzelnen Motive, eröffnen sich einem weitere, unzählige interpretative Ebenen, die – so viel können wir spoilerfrei verraten – immer die Idee der Zusammenführung von Gegensätzen forcieren. Schon immer galt der Doppelgänger an sich als das böse, seelenlose – kurzum: das gegenteilige – Ebenbild des Menschen selbst. Nun lässt Jordan Peele diese beiden aufeinandertreffen und erschafft daraus ultimativen Schrecken, denn plötzlich müssen wir uns auch mit den finstersten Ecken in unsere Seele auseinandersetzen, die sich doch eigentlich immer so schön ignorieren ließen.
Doch bei diesem simplen Gedankengang belässt es der Autorenfilmer nicht. Schließlich beginnt „Wir“ erst einmal relativ unscheinbar als Home-Invasion-Thriller. Eine Familie wird in ihren eigenen vier Wänden zum Opfer von bösen Eindringlingen. Erst als sich langsam herausstellt, dass diese genauso aussehen wie sie, offenbaren sich die Dimensionen. Sie sind nicht die einzigen Opfer. Und damit macht Peele relativ zügig deutlich, dass er mit seiner Vision in übernatürliche Sphären abdriftet. „Wir“ spielt nicht in unserer Realität. Doch was Jordan Peele hier genau kreiert, sei aus guten Gründen nicht verraten.
Vor allem die Idee, sowohl die Protagonisten als auch ihre jeweiligen Doppelgänger von ein und denselben Darstellern verkörpern zu lassen, trägt dazu bei, dass sich „Wir“ ganz langsam seinen Weg ins Unterbewusstsein der Zuschauer bahnt. Lupita Nyong’o (Oscar für „12 Years a Slave“), Winston Duke („Black Panther“) sowie die beiden Newcomer Shahadi Wright Joseph und Evan Alex, die hier beide ihr Langfilmdebüt geben, agieren je nach Figur vollkommen unterschiedlich. Sie werden zu einer Art negativem Spiegelbild ihres Gegenübers, reden mal gar nicht, dann wiederum so, als würden sie beim Sprechen ein- statt ausatmen, was körperlich nur sehr wenige Worte hintereinander möglich ist. Sie fokussieren ihr anderes Ich, umtänzeln es und morden schließlich auch – und das in „Wir“ auch deutlich blutiger, als es noch in „Get Out“ zu sehen war. Klassische Jumpscares, also Szenen, in denen durch ein plötzliches Geräusch oder ein auf einmal aufblitzendes Bild das Hochschrecken aus dem Kinositz forciert wird, gibt es hier keine. Das ist aber auch gar nicht nötig. Das Gruselige an „Wir“ ist letztlich vor allem der Gedanke über sich selbst: Wie viel Böses steckt eigentlich in uns? (programmkino.de)
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