Am 23.5. im Kinoptikum

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Do. 18:30
AB HEUTE SIND WIR EHRLICH  it. OmU
L'ora legale – IT 2017, 92 Min., Regie: Salvo Picarra & Valentino Picone
mit Salvo Picarra, Valentino Picone, Vincenzo Amato
Triefend italienische Polit-Groteske vom kläglichen Bemühen einer sizilianischen Kleinstadt um Gesetzestreue.
Trailer zu AB HEUTE SIND WIR EHRLICH
Weiterlesen... „Wähle Patanè! Frag dich nicht, warum!“ - unschlagbar ehrlich sind sie immerhin, die Wahl-Slogans des langjährigen korrupten Bürgermeisters Gaetano Patanè aus dem sizilianischen Provinznest Petrammare. Als optischer Berlusconi-Abklatsch verspricht der Politiker wieder einmal goldene Zeiten, derweil Schlaglöcher und Müllberge die Bewohner plagen. Die vorübergehende Festnahme wegen Korruption ist allenfalls lästig, „Ich gewinne auch unter Hausarrest!“ grinst Patanè siegessicher. Denkste. Das Volk probt prompt den Aufstand, kegelt den Bonzen aus dem Amt und wählt überraschend den lokalen Lehrer Pierpaolo Natoli zum neuen Bürgermeister. Der Idealist verspricht Ordnung, Ehrlichkeit und Gesetzestreue. Das Dorf jubiliert und hat alsbald allerlei Forderungen parat. Sei es die Beerdigung für den vor drei Jahren verstorbenen Gatten, eine Playstation für das Kind oder die Genehmigung für eine opulente Vergrößerung des Eiscafes.
Bald jedoch ist Schluss mit lustig. Verkehrsünder werden fortan gnadenlos verfolgt. Die Stechuhren im Rathaus plötzlich kontrolliert. Hundhalter haben die Wege sauber zu halten. Selbst der Pfarrer muss für seine illegale Pension nun Steuern zahlen. Von der ungewohnten Mülltrennung ganz zu schweigen. Als die bislang faulen Forstarbeiter zur Arbeit ausrücken müssen, werden sie auf den Straßen verabschiedet wie Soldaten, die in den Krieg ziehen. Schließlich soll sogar die Chemiefabrik geschlossen werden. Sowie die illegalen Häuser am Meer abgerissen werden. Der bisherigen Privilegien beraubt, kippt die Stimmung unter den Bewohnern. „Bringen wir ihn um“, fordern die einen. Die anderen setzen auf jene bewährte Warnung à la Mafia-Film mit einem Schwertfisch-Kopf im Schlafzimmer. Letztlich hilft am besten eine fiese Intrige mit gefälschten Beweisen. Als des Bürgermeisters schlaue Teenager-Tochter zum Schluss eine feurige Rede auf die Ehrlichkeit hält, sollte das Happyend nicht weit sein - Denkste!
„In jedem von uns steckt ein Stückchen Rechtswidrigkeit, an die wir gewöhnt sind und von der wir vielleicht sogar ganz vergessen haben, dass sie da ist“, erläutern die beiden sizilianischen Komiker Salvo Ficarra und Valentino Picone ihr Konzept. Drehbuch, Regie und Hauptrollen übernimmt das Duo gemeinsam - und das zahlt sich auch bei ihrem fünften Kinostreich spürbar aus. Mit Leichtigkeit spielen sich die beiden die Pointenbälle zu, ohne sich dabei unangenehm in den Vordergrund zu drängen. Das Figurenkarussell ist bestens aufgestellt, vom lokalen Bonzen über den hinterhältigen Pfarrer bis zu den weinerlichen Polizisten oder jenem sinistren Stippenzieher aus dem fernen Rom.
Mit flottem Tempo, gelungenem Timing sowie hübscher Situationskomik präsentiert sich eine Polit--Komödie der amüsanten Art. Selbst jener Running Gag mit dem Behindertenparkplatz erfährt hier noch eine verblüffend ulkige Auflösung. Wie im cinema italia üblich, geraten die Dialoge zur pompösen Palaver-Parade - dank der OmU-Version fühlt man sich prompt wie beim Italiener. (programmkino.de)
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Do. 21:00
WIR  OmU
Cinema ObscureUs – USA 2019, 120 Min., Regie: Jordan Peele
mit Lupita Nyong’o, Elisabeth Moss, Anna Diop
Symbolträchtiges Gruselkino über eine Familie, die im Ferienidyll den bösen Blick im eigenen Gesicht entdeckt.
Trailer zu WIR
Weiterlesen... Familie Wilson freut sich auf ihren langersehnten Urlaub. Adelaide (Lupita Nyong’o), ihr Ehemann Gabe (Winston Duke) sowie die beiden Kinder Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) fahren an einem sonnigen Wochenende nach Santa Cruz, um hier die Zeit am Strand zu genießen und endlich mal wieder ihre Freunde, die Tylers (Elisabeth Moss und Tim Heidecker), zu treffen. In ihrem Ferienhaus angekommen, fühlt sich Adelaide aber schon bald unwohl. „Wie eine große schwarze Wolke“ hängt eine Atmosphäre der Angst über ihr. Merkwürdige Zufälle häufen sich und als ihr Sohn für ein paar Minuten wie vom Erdboden verschwunden ist, entsteht in der besorgten Mutter der Wunsch, möglichst schnell wieder heimzufahren. Doch dazu soll es nicht kommen. Eines Nachts steht eine mit Scheren bewaffnete Familie in der Einfahrt der Wilsons. Vier Menschen, ein Ehepaar und zwei Kinder, die aussehen wie die Familie, die sie gerade überfallen, scheinen einen finsteren Plan zu verfolgen. Wer sind diese Doppelgänger und was haben sie vor?
Mit seinem Regiedebüt „Get Out“ gelang es dem eigentlich vorwiegend als Komiker bekannten Jordan Peele vor zwei Jahren, das Horrorkino um einen modernen Klassiker zu erweitern; um eine mit vielen komödiantischen Motiven versehene Satire auf eine – im wahrsten Sinne des Wortes – Schwarz-Weiß-Gesellschaft innerhalb der USA. Als kurze Zusammenfassung: In „Get Out“ tritt ein Afroamerikaner bei den Schwiegereltern seiner weißen Freundin an – und findet sich schon bald in einem Albtraum aus offen ausgelebtem Rassismus wieder. Peele versteht das Spiel mit Gegensätzen, mit dem Unausgesprochenen, der unterschwelligen Bedrohung. Doch dieses Unterschwellige hat er für „Wir“ nun abgelegt. Sicher auch, weil er jüngst erst zu Protokoll gab, ein wenig enttäuscht darüber gewesen zu sein, dass sich bei „Get Out“ nicht alle einig darüber waren, wirklich einen Horrorfilm zu sehen. Zu dominant sei hier der überzeichnende Humor, dabei sei der Filmemacher selbst ein riesiger Horrorfan und wollte vor allem eines: seinen Zuschauern Angst einjagen! Eines ist Peele gelungen: Im Falle von „Wir“ besteht nun ganz gewiss kein Zweifel mehr daran, welchem Genre der Film angehört. Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass sich der erneut für Skript und Regie verantwortlich zeichnende Peele hier mit Einfältigkeit zufriedengibt; im Gegenteil. „Wir“ ist zwar unweit derber und auch direkter in seiner Horrormotivation, aber der Film hat es vor allem intellektuell in sich und ist ein faszinierendes Spiel mit Symboliken und Assoziationen.
Hasen, Ballerinen, Scheren, Handschuhe, oder auch einfach nur der sich wie ein roter Faden durch den Film ziehende Song „I Got 5 On it“ von Luniz – es ist ganz egal, an welchem Detail von „Wir“ man als Zuschauer ansetzt: Recherchiert man anschließend die symbolische Bedeutung der einzelnen Motive, eröffnen sich einem weitere, unzählige interpretative Ebenen, die – so viel können wir spoilerfrei verraten – immer die Idee der Zusammenführung von Gegensätzen forcieren. Schon immer galt der Doppelgänger an sich als das böse, seelenlose – kurzum: das gegenteilige – Ebenbild des Menschen selbst. Nun lässt Jordan Peele diese beiden aufeinandertreffen und erschafft daraus ultimativen Schrecken, denn plötzlich müssen wir uns auch mit den finstersten Ecken in unsere Seele auseinandersetzen, die sich doch eigentlich immer so schön ignorieren ließen.
Doch bei diesem simplen Gedankengang belässt es der Autorenfilmer nicht. Schließlich beginnt „Wir“ erst einmal relativ unscheinbar als Home-Invasion-Thriller. Eine Familie wird in ihren eigenen vier Wänden zum Opfer von bösen Eindringlingen. Erst als sich langsam herausstellt, dass diese genauso aussehen wie sie, offenbaren sich die Dimensionen. Sie sind nicht die einzigen Opfer. Und damit macht Peele relativ zügig deutlich, dass er mit seiner Vision in übernatürliche Sphären abdriftet. „Wir“ spielt nicht in unserer Realität. Doch was Jordan Peele hier genau kreiert, sei aus guten Gründen nicht verraten.
Vor allem die Idee, sowohl die Protagonisten als auch ihre jeweiligen Doppelgänger von ein und denselben Darstellern verkörpern zu lassen, trägt dazu bei, dass sich „Wir“ ganz langsam seinen Weg ins Unterbewusstsein der Zuschauer bahnt. Lupita Nyong’o (Oscar für „12 Years a Slave“), Winston Duke („Black Panther“) sowie die beiden Newcomer Shahadi Wright Joseph und Evan Alex, die hier beide ihr Langfilmdebüt geben, agieren je nach Figur vollkommen unterschiedlich. Sie werden zu einer Art negativem Spiegelbild ihres Gegenübers, reden mal gar nicht, dann wiederum so, als würden sie beim Sprechen ein- statt ausatmen, was körperlich nur sehr wenige Worte hintereinander möglich ist. Sie fokussieren ihr anderes Ich, umtänzeln es und morden schließlich auch – und das in „Wir“ auch deutlich blutiger, als es noch in „Get Out“ zu sehen war. Klassische Jumpscares, also Szenen, in denen durch ein plötzliches Geräusch oder ein auf einmal aufblitzendes Bild das Hochschrecken aus dem Kinositz forciert wird, gibt es hier keine. Das ist aber auch gar nicht nötig. Das Gruselige an „Wir“ ist letztlich vor allem der Gedanke über sich selbst: Wie viel Böses steckt eigentlich in uns? (programmkino.de)
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