Am 19.5. im Kinoptikum

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So. 11:00
FRÜHES VERSPRECHEN  frz. OmU
La promesse de l’aube – F 2018, 131 Min., Regie: Eric Barbier
mit Charlotte Gainsbourg, Pierre Niney
Eine tragikomische Mutter-Sohn-Geschichte nach der Autobiographie des Ausnahmekünstlers Romain Gary
Trailer zu FRÜHES VERSPRECHEN
Weiterlesen... Romain Garys Leben war außergewöhnlich: vom Kind einer russisch-jüdischen Familie in Wilna (heute Vilnius) bis zum Diplomaten, gefeierten Schriftsteller und Mitglied der französischen Avantgarde. Außerdem war er Drehbuchautor und Filmregisseur. Seine Werke sind in Frankreich deutlich bekannter als hierzulande. Dieser charismatische Mann trug in sich das Erbe eines ganzen Kontinents. Er war Russe, Pole, Franzose und Jude, ein Weltbürger also, rastlos wie viele seiner Zeitgenossen, die durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat verloren. Den Weg in dieses Leben, zu seinen Erfolgen, Abenteuern, Niederlagen und Chancen, bereitete ihm die Mutter, die für ihn Vorbild und Ansporn war. Heute würde man sagen: eine sehr dominante Mutter, eine Art Glucke, die sich in alles einmischte, ihm aber auch viel Rückhalt, Mut und Selbstvertrauen gab. Eric Barbier hat nach Romain Garys autobiographischem Roman „Frühes Versprechen“ nun den zweiten Film geschaffen, der vom verrückten Leben des Künstlers erzählt. Jules Dassin war 1970, noch zu Lebzeiten des Künstlers, der Erste. Damals spielte Melina Mercouri die Mutter. Romain Gary hat sein Werk selbst als Roman bezeichnet, was schon nahelegt, dass er selbst sehr frei mit seiner Vergangenheit und der seiner Familie umging. Wahrheit und Erfindung mischen und verwischen sich ständig. So wird bei Eric Barbier der Wille sichtbar, möglichst viel von Romain Garys Schriftstellerpersönlichkeit einzufangen. Er lässt den Autor im Off als allwissenden Erzähler sprechen, was dem Film zusätzlich eine hübsche Ironie verleiht. Anders als im Roman ist im Film die Chronologie eindeutig: Von Wilna, heute Vilnius, in Litauen führt die Geschichte quer durch das Vorkriegseuropa nach Südfrankreich. Im 2. Weltkrieg wird Romain Gary Soldat und Mitglied der französischen Exilarmee unter Charles de Gaulle. Seine Mutter will einen Kriegshelden aus ihm machen, und er folgt ihr, wie immer. Eigentlich plant sie, dass er Adolf Hitler umbringen soll, doch kommt sie von dem Gedanken wieder ab, womit sie ihm wahrscheinlich, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, das Leben rettet. Romain wird als Pilot in England und Afrika eingesetzt, überlebt knapp und beginnt nach dem Krieg sowohl eine diplomatische als auch eine literarische Karriere. Er bleibt bis zu seinem Freitod 1980 eine schillernde Persönlichkeit.
Als inhaltliche Klammer verwendet Eric Barbier eine Autofahrt durch Mexiko, auf der Romain Garys Ehefrau Lesley Blanch das Manuskript zu „Frühes Versprechen“ liest, während der kranke Schriftsteller vor sich hin leidet. Dieser rote Faden ist ein Kunstgriff, mit dem die Geschichte selbst kompakter und greifbarer gestaltet wird. So lassen sich sperrige Übergänge vermeiden, Schauplatzwechsel und Zeitsprünge in der Haupthandlung werden erleichtert. Zusammen mit der Off-Stimme des Autors ergibt sich daraus ein beinahe beschwingter Umgang mit Zeit und Raum, der dennoch der Erzähllogik folgt.
Der Fokus der Geschichte liegt ganz eindeutig auf der Mutter-Sohn-Beziehung, und die hat es in sich. Zu Beginn, als Romain noch ein kleiner Junge ist, übernimmt Mama Nina die Rolle einer frühen Helikoptermutter: stets präsent, hilfsbereit, fordernd und fördernd. Sie treibt ihn an, ihr Sohn ist natürlich ein Genie, auch wenn frühe Versuche mit klassischer Musik scheitern. Dann bleibt ihm die Schriftstellerei, und darin übt er sich schon als Grundschüler. Nina opfert ihm ihr ganzes Leben, alles, was sie tut, einschließlich diverser Hochstapeleien, dient nur dem einen Zweck: ihrem Sohn das Leben zu ermöglichen, das er verdient. Ihr großes Ziel ist Frankreich. Für Nina das Land, in dem Milch und Honig fließen. In Frankreich ist alles gut – die Menschen, das Essen, die Landschaft. Und als die beiden endlich dort ankommen, geht für Nina nicht nur ihr Traum in Erfüllung. Jetzt weiß sie, dass ihr Sohn den Erfolg haben wird, den sie ihm versprochen hat. Charlotte Gainsbourg spielt diese 150-prozentige Übermutter mit großer Hingabe und viel Feuer, gleichzeitig aber auch mit viel Sinn für Komik. In ihrem Größenwahn, in ihren Übertreibungen wird Charlotte Gainsbourg zum tragischen Clown. Doch sie ist eine Kämpferin. Mit einer einzigen Bewegung ihres Kopfes macht sie aus der alleinstehenden Frau, die oft von finanziellen Schwierigkeiten gebeutelt wird, eine Grande Dame. Die unendliche Liebe, die Nina ihrem Sohn gibt, ist gleichzeitig bedingungslos und leidenschaftlich. Das hat manchmal etwas Lächerliches. Aber Charlotte Gainsbourg hält immer die Balance zwischen Tragik und Komik. Manchmal wirkt sie angsteinflößend, ein Monster von einer Mutter. Und selbstverständlich muss diese Frau selbst allein bleiben, auch wenn der junge Romain alles daran setzt, um sie verkuppeln, denn dann hätte er vielleicht endlich ein bisschen Ruhe.
Alle drei Romain-Darsteller sind sehr gut, doch Pierre Niney hebt sich von seinen jüngeren Kollegen ab, vor allem wegen seines gleichzeitig expressiven und doch geheimnisvollen Spiels. Er übernimmt einiges von Ninas originellem Verhalten und steigert es noch. Mit seinen traurigen Augen wirkt er anziehend, doch dahinter glimmt der gleiche Irrsinn, von dem auch die Mutter befallen ist. Was sich hier als Rastlosigkeit und manchmal als kreative Hochstapelei oder Leidenschaft bis zum Kontrollverlust äußert, ist nicht nur das Ergebnis der Erziehung seiner Mutter, sondern auch die Folge der Einsamkeit von Überlebenskünstlern. Diese beiden Menschen, Nina und Romain, haben keine Freunde. Sie haben nur einander. Sie befehden sich, sie spielen sich gegeneinander aus, machen sich gegenseitig das Leben schwer, aber sie hängen aneinander in unerbittlicher Liebe. Bis zum Tod und darüber hinaus. (programmkino.de)
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So. 18:00
STILLER KAMERAD
HippoDoku – D 2017, 92 Min., Regie: Leonhard Hollmann
Ein Königreich für ein Pferd! Die eindringliche und persönliche Beobachtung einer Hippotherapie traumatisierter SoldatInnen.
Trailer zu STILLER KAMERAD
Weiterlesen... Ein Fahrzeugkonvoi fährt irgendwo durch das afghanische Hinterland. Die von der Bordkamera eines Fahrzeugs gefilmte Einstellung wird eine Weile gehalten, bis plötzlich eine Straßenmine hochgeht. Die Eröffnungseinstellung will die psychische Anspannung vermitteln, die Soldat*innen in Krisengebieten erleben – und die oft einschneidende Folgen für das seelische Wohlbefinden hat. Am anderen Ende der Welt, im brandenburgischen Havelland, steht die Pferdekoppel der Therapeutin Claudia Swierczek, die schulmedizinisch austherapierten Traumapatienten eine Pferdetherapie anbietet.
Regisseur Leonhard Hollmann, der das Projekt per Crowdfunding finanziert und im Alleingang umgesetzt hat, begleitet drei traumatisierte Menschen über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren. Oliver war drei Mal als Bundeswehrsoldat in Afghanistan und wird die Erinnerungen an brenzlige Situationen nicht los, Roman tötete ebendort einen Menschen. Die Sanitätssoldatin Mandy sah im Kosovo Massengräber und Mädchenhandel.
Konventionelle Gesprächstherapien haben Oliver, Roman und Mandy mehr oder minder erfolglos absolviert. Durch den sanften Kontakt mit den Pferden fassen die Traumatisierten neues (Selbst-)Vertrauen und emanzipieren sich stückweise von ihren Ängsten. In kurzen Interviews erklären sie die Unterschiede zu einer herkömmlichen Therapie, darunter die längere Sitzungsdauer und die als gelöster empfundene Gesprächssituation im Freien. Die Pferde lesen die Körpersprache der Menschen und spiegeln die jeweiligen Befindlichkeiten, wobei die Tiertherapie kein Gefälle zwischen Arzt und Patient kennt, das im Bundeswehrkrankenhaus schon durch die Dienstgrade besteht.
Leonhard Hollmann kommt den Protagonisten sehr nahe, ohne in die Intimität der Situationen einzugreifen. In langen, unkommentierten Einstellungen beobachtet er den Verlauf einzelner Sitzungen. Die Patienten führen die Pferde und erledigen kleinere Arbeiten rund um die Koppel, etwa das Setzen von Pfosten. Es sind kleine Schritte, die das Selbstvertrauen stabilisieren
Ab und an läuft Gitarrenmusik, zwischendurch äußern sich die Soldat*innen zum Krankheitsverlauf und der fehlenden Kostenübernahme durch die Bundeswehr, und immer wieder zeigt die Kamera die stille, oft nebelverhangene Landschaft, die ebenfalls zur Genesung beiträgt. Mit einfachen Mitteln entwickelt Leonhard Hollmann einen unaufgeregt-eindringlichen Dokumentarfilm, dem das große Vertrauen der Protagonisten zum Filmemacher deutlich anzumerken ist. (programmkino.de)
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So. 20:30
FREE SOLO  OmU
KletterDoku – USA 2018, 98 Min., Regie: Jimmy Chin, Elizabeth Chai Vasarhelyi
mit Alex Honnold, Sanni McCandless, Tommy Caldwell
Die schwindelerregende (und oscarprämierte) Erklimmung des "El Capitan" durch den Extremkletterer Alex Honold.
Trailer zu FREE SOLO
Weiterlesen... Fast 1.000 Meter ist der El Capitan mit seiner fast senkrechten Wand hoch. Er hat Kletterer von jeher fasziniert, aber niemand hat es gewagt, ihn ohne Sicherung zu besteigen. Davon hat der Free-Solo-Kletterer Alex Honold fast schon sein ganzes Leben geträumt und er stellt alles in den Dienst der Verwirklichung dieses Traums. Honold bereitet sich ausgiebig auf die Besteigung vor, macht zahllose Testläufe mit Kletterseil und stellt sich dann einer Herausforderung, bei der jeder noch so kleine Fehler den Tod bedeuten kann.
„Free Solo“, der in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ den Oscar gewann, ist das atemberaubende Porträt eines Mannes, dem sehr wohl bewusst ist, was er alles mit diesem Sport riskiert. Aber er tut es dennoch, weil die eigene Passion zu verleugnen schlimmer als der Tod wäre. Ein Free-Solo-Kletterer ist aber vielleicht auch furchtloser als normale Menschen. Ein CT seines Gehirns legt dies nahe. Man zeigte Honold Fotos und beobachtete, wie sein Gehirn reagiert. Die Amygdala blieb dabei erstaunlich passiv. Selbst bei Fotos, die bei anderen Menschen höchste Ausstöße gezeigt haben. Aber vielleicht, so sinniert Honold, ist seine Amygdala wegen des vielen Free-Solo-Kletterns einfach abgestumpft.
Er selbst ist es nicht. Das zeigt dieses Porträt durchaus überzeugend. Mag es anfangs so aussehen, als sei er ein Mensch, der nichts zu verlieren hat, zeigt sich im Verlauf, dass dem eben schon so ist. Kurz bevor er mit den konkreten Plänen für die Besteigung des El Capitan begann, verliebte er sich. Das hatte u.U. auch Auswirkungen. Blieb er zuvor sieben Jahre ohne Verletzung, verletzte er sich nun gleich zweimal innerhalb eines Jahres. Weil ein Free-Solo-Kletterer, so der Kletterprofi Tommy Caldwell, ganz und gar auf die Wand fokussiert sein muss. Er darf an nichts anderes denken. Genau zu diesem geistigen Zustand musste Honold zurückfinden.
„Free Solo“ versteht es, dem Zuschauer ein Gefühl davon zu vermitteln, wieso der Extremsportler macht, was er macht. Man glaubt gerne, dass man sich in diesen Momenten an der Wand dem Leben näher als je zuvor fühlt, oder sich selbst für größer als das Leben hält, wenn man absolute Perfektion erreicht, die notwendig ist, um einen solchen Aufstieg zu überstehen. Aber der Film unterschlägt auch nicht, dass Free-Solo-Kletterer oftmals nicht alt werden. Viele sind durch Abstürze ums Leben gekommen. Ein Schicksal, das auch Honold blühen könnte, weswegen ihm ein Freund schließlich rät, aufzuhören, solange er es noch kann. Aber dem Ruf des Bergs kann sich Honold nicht entziehen.
Der Zuschauer wiederum kann sich der Wirkung dieses Films nicht entziehen. Die Aufnahmen vom Kletterer an der Wand sind atemberaubend. Manche Einstellungen verursachen gar ein mulmiges Gefühl und als Honold beginnt, die gefährlichen Passsagen des El Capitan ohne Sicherung zu besteigen, da ist das spannender und aufregender als bei jedem noch so guten Thriller. (programmkino.de)
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