Am 16.5. im Kinoptikum

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Do. 18:30
BIRDS OF PASSAGE - Das grüne Gold der Wayuu  span. OmU
Pájaros de Verano – COL/MEX/DK 2018, 125 Min., Regie: Cristina Gallego, Ciro Guerra
mit Natalia Reyes, Carmiña Martínez, José Acosta
Narcos Begins: Ein epischer Ethno-Thriller von den Anfängen des kolumbianischen Drogenhandels in poetischen Bildern.
Trailer zu BIRDS OF PASSAGE - Das grüne Gold der Wayuu
Weiterlesen... „Die Patin“ könnte der Film ebenfalls heißen, denn die Leitfigur im Hintergrund, die Clanchefin, ist eine Frau, die Schamanin Úrsula. Sie gehört, ebenso wie die meisten Beteiligten, zu den Wayúu, eine der größten indigenen Gemeinschaften Kolumbiens, mit einer matriarchalen Struktur. Zum Ende der 60er Jahre leben sie, relativ unbeeinflusst von der westlichen Zivilisation, nach ihren tradierten Bräuchen. Úrsulas Familie ist mächtig. Rapayet hat nichts und ist niemand. Trotzdem will er Zaida, die schöne Tochter, heiraten und umwirbt sie in einem Tanzritual. Doch Úrsulas Forderungen für den Brautpreis sind hoch, deutlich zu hoch für Rapayet. Der Kontakt mit ein paar US-Hippies bringt ihn dazu, ins Marihuana-Geschäft einzusteigen. Vielleicht möchte er anfangs wirklich nur genug Geld aufbringen, um Zaida zu gewinnen. Dies gelingt ihm, auch wenn Úrsula ihm die Tochter nur widerwillig anvertraut. Ihre Abneigung gegen den Emporkömmling ist offenkundig. Aber Rapayet macht weiter, gemeinsam mit einem Freund baut er den Drogenhandel aus. Jahre später ist Rapayet auf dem Gipfel der Macht, doch Reichtum und Statussymbole genügen ihm nicht, er hat mitten in der Wüste eine Villa gebaut, in der Zaida und die Kinder wie in einem besonders luxuriösen Käfig leben. Rapayet wird immer gieriger, er legt sich mit anderen Drogenbossen an, und bald geht es nicht mehr um Geld und Macht, sondern ums Überleben. Die Stimmung im Clan ist gereizt und zunehmend geprägt von einer ungesunden Mixtur aus Arroganz und Fatalismus, alles noch dekoriert mit einem Hauch von Irrsinn. Es wird kommen, wie es kommen muss … die Vorzeichen häufen sich. Das blutige Ende lässt dann auch nicht mehr lange auf sich warten.
Der teils brutale, teils beinahe poetische Thriller über die Anfänge des kolumbianischen Drogenhandels spielt über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren und erzählt eine prinzipiell klassische Gangsterstory. Dabei mischen sich geschickt und manchmal überraschend ethnographische Aspekte und Thriller-Elemente sowohl in der geheimnisvollen, manchmal surrealen Bildsprache als auch in der starken Filmmusik. Die Bilder erscheinen bis ins Detail sorgsam durchkomponiert. Farbeffekte – viel Rot, schon bevor Blut fließt – unterstützen die mystische Stimmung. Mit Zwischentiteln wird die Geschichte zusätzlich strukturiert, eine Art Kapiteleinteilung, die nicht nur die einzelnen Zeitabschnitte gliedert, sondern den epischen Charakter verstärkt. Obwohl ziemlich schnell klar wird, dass hier kein Happy End zu erwarten ist, bleibt der Film spannend. Und dass, obwohl die Hauptfiguren des kriminellen Clans, vor allem Rapayet und Úrsula, kaum als Identifikationsfiguren geeignet sind. Diese Leute wollen nicht geliebt werden; sie sind weder heldenhaft noch bemitleidenswert noch irgendwie freundlich. Bestenfalls erscheinen sie würdevoll und unnahbar, was auch für Zaida gilt, die nur zu Beginn noch eine Art moralische Instanz darstellen könnte. Dass sie von schmutzigem Geld und auf Kosten von Drogensüchtigen lebt, ist weder für sie noch für die anderen ein Problem, nicht einmal ein Thema. Natalia Reyes spielt die Zaida, die Frau im goldenen Käfig, die das Schicksal vorhersehen kann und schon deshalb nicht besonders gut gelaunt wirkt. Carmiña Martínez als Úrsula zeigt viel Würde, und José Acosta als Rapayet verbindet gelungen Naivität, Skrupellosigkeit und Niedertracht. Insgesamt bietet das Team aus Laien- und Profidarstellern eine überzeugende Ensembleleistung.
Cristina Gallego und Ciro Guerra siedeln ihre Geschichte im wüstenartigen Norden Kolumbiens an. Die Landschaft spielt im Film eine wichtige Rolle, nicht nur als Heimat der Wayúu und damit als ihr ureigenes Terrain. Die Regisseure nutzen die Weite des Landes in einer Weise, die stark an Western erinnert. Das gilt für die Anordnung der Personen ebenso wie für Siedlungen und Gebäude. Wenn der Clan, vom Wind umweht, in Formation auf der Steppe wartet oder wenn Pferde über das Land galoppieren, werden die Bezüge noch offensichtlicher. Mitten in die Wüste setzt Rapayet seine Villa, die schon kilometerweit aus der Ferne erkennbar ist, eine Art Luxusbunker. Wo jetzt dieses Stein gewordene Symbol der Macht steht, das ganz eindeutig nicht hierher gehört, waren die Wayúu einmal zu Hause und mit ihnen ihre Rituale und Traditionen, die immer mehr verblassen, bis sie irgendwann verschwunden sind. An ihre Stelle treten die Macht- und Statussymbole der neuen kapitalistischen Ordnung: nicht nur die prächtige Villa, sondern auch große Autos und Maschinenpistolen. Was als kleiner Deal mit den Gringos begann, wächst zum kriminellen Imperium und wird damit zur Bedrohung für alle. Gier, Verrat und Wahnsinn beschleunigen den Niedergang der Familie. Und so, wie die Zugvögel, die „Birds of Passage“, über das Land ziehen, wird ihr Leben vergehen. (programmkino.de)
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Do. 21:00
HI, AI
CyberDoku – D 2019, 90 Min., Regie: Isa Willinger
Willkommen in Westworld! Eine faszinierende Bestandsaufnahme künstlicher Intelligenz im Alltag der Menschen.
Trailer zu HI, AI
Weiterlesen... Irgendwo in einem modernen Laborsetting in Japan: Die Flurlichter gehen morgens an – ein neuer Arbeitstag beginnt. Zuerst wird eine von hinten gefilmte Frau mit schwarzen Haaren langsam im Behandlungsstuhl in die Liegeposition gebracht. Ihre Augenlider zucken leicht angesichts des grellen Oberlichts. „Open your mouth“, bittet die behandelnde Zahnärztin und erst als die Behandlung abgeschlossen ist, realisiert man als Zuschauer vollends, dass es sich hierbei im Grunde um ein filigranes Hightech-Experiment handelt. Denn die „Patientin“ ist ein so genannter humanoider Roboter: Mit täuschend echtem Augenaufschlag, einer überaus gesunden Gesichtsfarbe und wenig gekünstelten Mundwinkeln.
Die Illusion ist verblüffend und schon in den ersten Sekunden von Isa Willingers fulminantem Dokumentarfilmessay Hi, A.I. – Liebesgeschichten aus der Zukunft beginnen sich die Sphären zwischen Mensch und Maschine, Schöpfer und Geschöpf auf faszinierende Weise zu durchdringen. Schlichtweg zu rasant war der Fortschritt in der Robotik seit den frühen 1980ern. Früher wurden diese hoch spezialisierten Robotermaschinen lediglich in Fertigungshallen oder an besonders gefährlichen Arbeitsorten eingesetzt. Heute findet man sie, nicht nur optisch mit einem extremen humanen Touch versehen, längst in Shopping-Malls, Großraumküchen oder Altenheimen wieder. Und dank ihrer künstlichen Intelligenz (englisch: artificial intelligence, kurz AI) beileibe nicht mehr nur als stille Beobachter respektive Begleiter, sondern als soziale Kompagnons, die vom Kochen oder Staubsaugen bis hin zum Reden und Spielen beinahe alles in petto haben und somit ihr menschliches Gegenüber oft genug ins Staunen versetzen können.
Denn anders als ihre Vorgängergenerationen können diese humanen Androiden quasi ständig „mitdenken“, ihr Gesagtes selbst reflektieren und auch verbal an den jeweiligen Gesprächspartner anpassen. Oder gleich ein Eigenleben beginnen, wie das bei dem japanischen Roboter Pepper im Film der Fall ist, der gerade bei einer betagten Dame namens Sakurai eingezogen ist. Doch anstatt sich alleine mit ihr und deren greisen Freundinnen zu unterhalten, flirtet Pepper gerne zwischendurch auch mit den jüngeren Familienmitgliedern oder starrt minutenlang einfach zur Fensterscheibe hinaus. Wer hier wen kontrolliert, bleibt oft genug in der Schwebe und verleiht Isa Willingers keineswegs wertendem Filmessay eine angenehm leichte Note. Obendrein bleibt in diesem offen diskursiv angelegten Dokumentarfilm auch genügend Raum für ebenso poetische wie bizarre Momente, die in Julian Krubasiks gelungenen Tableaueinstellungen gleich reihenweise zur Geltung kommen.
Dazu zählen beispielsweise die ersten Augenblicke des Kennenlernens zwischen dem Amerikaner Chuck und seiner neuen „Lebenspartnerin“ Harmony, einem Sex-Doll-Roboter aus Silikon, der per WLAN und Smartphone gesteuert werden kann und sich mit dem in seiner Kindheit misshandelten Texaner vorzugsweise über Klassiker der Science Fiction-Literatur wie Total Recall oder philosophische Weisheiten austauscht. Im Gegensatz zu dem offensichtlich nach dem Kindchenschema konstruierten Pepper-Modell, dem außerdem oft genug der Schalk im Nacken sitzt, glänzt die hochgewachsene Roboterfrau mit langer Haarpracht und großen Brüsten in erster Linie mit rhetorischen Feinheiten, die keinesfalls nach kühl akzentuiertem Robotersprech klingen. „Do you like artificial intelligence?“, möchte sie einmal aus dem Nichts von Chuck wissen, der mit dieser Fragestellung sichtlich überfordert ist.
Genau an dieser Schnittstelle zwischen wenigen erwartbaren Momenten und völlig neuartigen Beziehungskonstellationen mäandert dann auch Isa Willinger gelungener Science Fiction-Dokumentarfilm durch aufregende 90 Minuten, in denen man sich nicht selten wie im Blade Runner-Universum fühlt, was ebenfalls auf der Ton- wie Bildebene ein um andere Mal gekonnt in Szene gesetzt wird. Denn wer denkt beim legeren Nachmittagsplausch der beiden japanischen Seniorinnen („Dann hat er mich gefragt, ob Menschen viel träumen?“) im Anbetracht von Pepper nicht automatisch an Philip K. Dicks wegweisenden Romanstoff Träumen Androiden von elektrischen Schafen? oder an Ridley Scotts unvergleichliche Filmwelt?
Isa Willingers hochklassiger Dokumentarfilm Hi, A.I. – Liebesgeschichten aus der Zukunft tritt den Beweis an, dass das Jahr 2019, von dem zu Beginn der 1980er Jahre in Blade Runner noch phantasmagorisch geträumt wurde, inzwischen längst nicht nur auf dem täglichen Kalenderblatt steht: Das hybride Zeitalter zwischen Mensch und Maschine hat in Wirklichkeit schon lange begonnen und der regelmäßige Umgang mit so genannten androiden Wesen wird in nicht einmal zwei Jahrzehnten zu unserem Alltag gehören. Ist das nicht ebenso schrecklich wie faszinierend? (kino-zeit.de)
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