Am 28.4. im Kinoptikum

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So. 11:00
BEALE STREET  OmU
If Beale Street could talk – USA 2018, 119 Min., Regie: Barry Jenkins
mit Kiki Layne, Stephen James, Regina King
Nach James Baldwin: Eine große Liebe in Harlem vor dem Hintergrund des strukturellen Rassismus - damals wie heute.
Trailer zu BEALE STREET
Weiterlesen... Fraglos sind die Erwartungen groß, wenn Barry Jenkins nach seinem gefeierten, sensationellen Moonlight als nächsten Film James Baldwins großartigen Roman Beale Street Blues adaptiert – gerade bei dtv in Rahmen der Werkausgabe in deutscher Übersetzung von Miriam Mandelkow erschienen. Tatsächlich ist „Beale Street“ formal weniger auffällig als „Moonlight“, aber alles andere als konventionell.
James Baldwins Roman Beale Street Blues eröffnet mit einer Vorbemerkung, die auch in Barry Jenkins‘ Adaption am Anfang steht: „Die Beale Street ist eine Straße in New Orleans, wo mein Vater, wo Louis Armstrong und der Jazz geboren wurde. Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street, ist im Schwarzenviertel irgendeiner amerikanischen Stadt geboren (…). Die Beale Street ist unser Erbe.“
Erzählt wird die Geschichte von Tish Rivers (KiKi Layne) und Fonny Hunt (Stephan James). Ein junges Paar, sie lieben einander und kennen sich schon seit Kindheitstagen. Im Grunde genommen erwarten sie nicht viel vom Leben: Sie suchen eine gemeinsame Wohnung, Tish arbeitet in einem Kaufhaus, Fonny macht beeindruckende Skulpturen aus Holz. Doch dann wird Fonny von der Puerto Ricanerin Victoria Rogers (Emily Rios) beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben und kommt ins Gefängnis. Fonny war noch nicht einmal in der Nähe des Tatorts, sondern am anderen Ende der Stadt – dennoch identifiziert ihn die Frau bei der Gegenüberstellung.
Zu keiner Zeit steht außer Frage, dass Fonny unschuldig ist oder Victoria tatsächlich vergewaltigt wurde. Doch sie wurde von einem Polizisten genötigt, die falsche Person zu identifizieren. Die Verbrechen, die Fonny und Victoria angetan werden, werden hier nicht gegeneinander ausgespielt: Sie markieren in aller Deutlichkeit, dass es in dem US-amerikanischen Justizsystem nicht darum geht, die Wahrheit herauszufinden oder für Gerechtigkeit zu sorgen. Es setzt den Rassismus fort, den Tish bei ihrer Arbeit an einem Parfümstand in einem Warenhaus erfährt – oder dem sie mit Fonny bei der Suche nach einer Wohnung begegnet. Es ist der Rassismus, der Fonnys alten Freund Daniel (Brian Tyree Henry) zu einer zu langen Haftstrafe gebracht hat. Rassismus, der in den USA tief im System eingeschrieben ist.
Derweil setzen Tishs und Fonnys Familien alles daran, Fonnys Unschuld zu beweisen: Tishs Schwester Ernestine (Teyonah Parris) hat einen Anwalt (Finn Wittrock) besorgt und hält den Kontakt zu ihm, ihre Eltern Joseph (Colman Domingo) und Sharon (Regina King) unterstützen die schwangere Tish und versuchen Geld aufzutreiben, damit sie die Frau, die mittlerweile in ihrer Heimat Puerto Rico ist, besuchen und überzeugen können ihre Aussage zu widerrufen. Dabei hilft ihnen Fonnys Vater Frank, während Fonnys Mutter (Aunjanue Ellis) betet. Das ist alles, was sie schon immer getan hat.
Doch trotz dieser Bemühungen um Gerechtigkeit ist Beale Street kein Justizthriller, kein Kriminaldrama, sondern ein zutiefst berührender Liebesfilm, in dem die Wut über die Ungerechtigkeit, über systemischen Rassismus und ein Justizsystem, das von Rassismus über alle Maßen geprägt ist, durch die Zärtlichkeit und Sanftheit der Inszenierung nur noch verstärkt wird. Dieser Film ist durchzogen von einer Liebe, die alle zusammen und am Leben hält: Fonny und Tish lieben einander, Frank sagt selbst, dass er niemanden mehr liebt als Fonny, mehrfach wird Tish von ihrer Schwester und ihren Eltern umarmt. Es ist die Liebe, die ihnen keinen Schutz bietet, aber durch die sie in diesem rassistischen System überleben und kämpfen.
Narrativ wechselt die Erzählung zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her, dadurch wird die Entwicklung der Beziehung zwischen Tish und Fonny deutlich – die beginnende Verliebtheit, die zunehmende Intimität zwischen ihnen – und zugleich der Versuch, Fonny aus dem Gefängnis zu holen, bevor Tishs Baby geboren wird. Es ist ein nahezu träumerischer nichtlinearer Rhythmus, der hier entsteht – und es geht nicht darum, die Handlung voranzubringen, sondern in die Charaktere, in ihre Leben einzutauchen. Immersion ganz ohne 3D. Stilistisch ist in beiden Ebenen die Zärtlichkeit der Bilder bemerkenswert und je vertrauter Tish und Fonny werden, desto stärker drückt die Traurigkeit in Fonnys unmöglichem Kampf – und desto deutlicher tritt zutage, wie eng, wie untrennbar das Politische und Private miteinander verbunden sind.
Mehrfach hat Barry Jenkins in Interviews davon gesprochen, wie viel ihm dieser Roman von James Baldwin bedeutet – und vielleicht lastet diese Liebe bisweilen ein wenig zu schwer auf einigen Zeilen, gerade in Tishs Erzählkommentar aus dem Off. Herausragend ist indes die Musik von Nicholas Britell, in dem jeder Ton sitzt und schmerzt. Dazu die bemerkenswerte Kameraarbeit von James Laxton: Die Bilder dieses Films sind wunderschön, sorgsam kadriert – und niemals überstilisiert. Wenn Tish und Fonny durch einen herbstlichen Park spazieren, wird durch das Zusammenspiel von Score und Bildern die Schönheit dieses Augenblicks deutlich – und zugleich durchzieht schon diese Sequenz eine Ahnung der Flüchtigkeit dieses Moments. (kino-zeit.de)
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So. 18:00
INTERNATIONAL CYCLING FILMFESTIVAL
Fahrradaktionstag – D 2019,
15 kurze Filme rund um das Zweirad in einem Gastspiel des renommierten ICFF zum Fahrrad-Aktions-Tag der Stadt Landshut.
Trailer zu INTERNATIONAL CYCLING FILMFESTIVAL
Weiterlesen... Das Fahrrad verspricht Rettung vor dem sicheren Untergang. Dies ist die Botschaft des Films „Iron Horse“ von Teresa Väli aus Estland: Ein Fahrradfahrer gerät in der estnischen Wildnis in eine lebensbedrohende Situation, und als alle Hoffnung verloren scheint, rettet sein Fahrrad ihm das Leben. Es wird aber – unglücklicher Held! – am Ende vom Geretteten verstoßen. Wir rufen mit diesem 13. Programm dem abtrünnigen Freund protestierend zu, dass das Fahrrad gut ist für die Menschheit, und deswegen soll man sein Fahrrad mögen und pflegen.
Das 13. Internationale Festival des Fahrrad-Films erzählt viele Geschichten über die Beziehung zwischen Mensch und Fahrrad, die allerhand philosophischen und unterhaltsamen Stoff liefert. Richtig schön queer geht es in “A Bicycle in Love“ zu, ein Film über die glückliche Liebe zwischen Daisy und dem charmanten Fahrrad Greg. An anderer Stelle empfiehlt es sich, Taschentücher bereit zu halten, denn wie im echten Leben enden die filmischen Beziehungen oftmals tragisch, wie etwa in der zauberhaften Animation „Bike Ride“ von Tom Schroeder aus den USA.
Mit dem französischen Romancier Stendhal ließe sich sagen, der Fahrradfilm ist ein Spiegel, den man per Lastenrad die Landstraße entlang fährt. Dort sehen wir den jungen Edouard, der im gleichnamigen Film von François Fournier, Kanada, mit dem Fahrrad davon fährt, so weit es geht, „um zu sehen, ob ich es kann“ – mit dem Fahrrad als eine Möglichkeit, aus der Kindheit auszubrechen. Auch Jean-Aimé Bigirimana, ein kanadischer DJ mit ruandischen Wurzeln, versucht den Ausbruch. Im Film „Escape“ von Anjali Nayar flieht er, astronautengleich und bildgewaltig, ins ewige Eis.
Das Lastenrad spielt nicht nur eine metaphorische Rolle. Zwei Filme demonstrieren eindrucksvoll, dass es im echten Leben unterschätzt wird. Auch bei großen Lasten kann es mit dem Auto ganz schön „deppert“ zugehen, wie der Film „Siedelei“ aus Salzburg in breitem Österreichisch erzählt. Die Dortmunder Velokitchen-Fahrradszene, deren Kochkünste seit vielen Jahren die Kirsche auf der Torte des ICFF bedeuten, veranschaulicht in „On the Move“, dass eine Vielzahl Lastenräder Berge versetzen kann.
Das Festival wäre keins ohne den politischen Film, und ein besonderes Gewicht kommt „Tigersprung“ zu. Er ist dem Leben von Albert Richter gewidmet, 1932 Amateur-Weltmeister auf der Bahn, 1940 von der Gestapo ermordet. Im Zentrum des Films steht sein jüdischer Manager, der Kölner Ernst Berliner, der, vor den Nazis fliehend, in den Niederlanden überlebt und später in die USA auswandert. Er versucht den Fall in den 1960er Jahren zur Anklage zu bringen, aber die deutsche Justiz will kein Verfahren eröffnen. Auch die Kölner Bahnszene sieht ihn lediglich als „die Störung“ – er erfährt vollkommene Ablehnung. Ernst Berliner reist heim mit dem Vorsatz, nie wieder nach Deutschland zurück zu kehren.
Das Festival zeigt insgesamt 15 Filme aus zehn verschiedenen Ländern, darunter experimentelles Kino aus Belgien und Großbritannien, Dokumentationen aus Guatemala und Deutschland, für die spirituelle Erbauung sorgt der Film „Der Langsamwallradfahrer“ von Fritz Tietz: „Nicht nur die Wege des Herrn sind unergründlich, zuweilen sind es auch seine Radwege“. Begeben wir uns gemeinsam auf den Weg, der, teil steinig, teils mit sehr unterhaltsamen Abschnitten, in eine bessere Welt führt, in der die alten Nazis und neuen Populisten keine Stimme mehr haben.

Gernot Mühge und Chris Wawrzyniak)
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