Am 18.4. im Kinoptikum

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Do. 18:30
HAVE A NICE DAY
CHN 2017, 77 Min., Regie: Liu Jian
Pechschwarzes und irrwitziges Animé über die Jagd nach einer wertvollen Tasche in einem von Gier und Abgründen geprägten China.
Trailer zu HAVE A NICE DAY
Weiterlesen... In einer südchinesischen Industriestadt setzt der Baustellenfahrer Xiao Zhang eine wilde Verfolgungsjagd in Gang, als er eine geheimnisvolle Tasche klaut. Darin: eine Million Yuan, die dem Mafiaboss Onkel Liu gehören. Als dieser vom Diebstahl des Geldes hört, setzt er sogleich einen seiner fähigsten Berufskiller auf Zhang an. Der Dieb unterdessen ist gewillt, seine Beute zu verteidigen, benötigt er das Geld doch für eine Schönheits-OP seiner Freundin. Im Laufe der Zeit werden es mehr und mehr gierige Hände, die dem wertvollen Tascheninhalt hinterherjagen. Am Ende steht eine lange Spur von Toten und Verletzten.
Über drei Jahre lang arbeitete Liu Jian an seinem ersten Film seit „Piercing I“ (2010). Dabei fertigte er alle Zeichnungen selbst an. Seine internationale Premiere feierte die zynische Animationskomödie bei der Berlinale 2017 im Wettbewerb um den Goldenen Bären. Zwar konnte der Film in Berlin den Hauptpreis nicht gewinnen, wurde dafür aber bei einigen anderen Filmfesten als bester Animationsfilm gekürt, unter anderem beim Filmfestival Philadelphia 2017.
Es ist wahrlich kein allzu positives Bild, das Jian vom Leben in der tristen, grauen Betonwüste (die Stadt bleibt während des ganzen Films namenlos) zeichnet, in der die Handlung angesiedelt ist. Heruntergekommene Häuser, verwahrloste Typen, Kriminalität an allen Ecken sowie eine von Smog und den Abgasen der Autos verpestete Luft. Das ist die fatalistische Welt von „Have a nice day“, mit der Jian ganz unverblümt auf den – in seinen Augen – katastrophalen Zustand seiner chinesischen Heimat anspielt.
Die düstere Weltuntergangsstimmung, die in der kleinen Provinzstadt herrscht, überträgt der Filmemacher auf das reale Lebensgefühl vieler Chinesen. Sie leben in einem Land, das unter einem restriktiven, von diktatorischen Elementen durchzogenen politischen System, der Umweltverschmutzung und einer dramatischen Überbevölkerung leidet. Dass das international bedeutendste Animationsfilmfestival in Annecy „Have a nice day“ auf Verlangen der Regierung Chinas nicht mit ins Programm aufnahm, zeigt, wie heikel und sensible die angesprochenen Themen des Films sind.
Doch „Have a nice day“ lässt sich ebenso als Generalabrechnung mit dem Internet als wichtigstem Kommunikations- und Informationsmedium sowie (westlichen) Statussymbolen wie einer teuren Ausbildung und einem tadellosen Äußeren lesen. Immerhin ist eine zu finanzierende Schönheitsoperation der Auslöser der ganzen Misere. Und wenn sich die Figuren immer wieder in flüchtigen, unpersönlichen Chats austauschen oder gemeinhin als Koryphäen verehrte „digitale Vordenker“ wie Steve Jobs, Marc Zuckerberg oder Bill Gates zitieren, ist klar, dass Jian auf diese Weise Kritik an unserem hoch technisierten, online-basierten Zeitalter übt.
Formal, visuell und inhaltlich geht er minimalistisch und schlicht vor. Die Tricktechnik ist simpel gehalten und einige (Fort-)Bewegungen (gerade die von Autos und Motorrädern)  wirken in ihrer Langsamkeit und holprigen Art fast wie Flash-Animationen. Hinzu kommt eine überschaubare Story, in der es – auch wenn die Anzahl der handelnden Personen hoch ist – im Kern ausschließlich um die Jagd nach der Tasche geht. Alles andere als zurück hält sich der Film jedoch beim Humor. Der ist derb und durchweg radikal. Außerdem stattet Jian seine Charaktere, darunter einen abgehalfterten Alt-Mafiosi und einen ungepflegten Möchtegern-Unternehmer, mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und Galgenhumor aus. Die einzige Möglichkeit, so scheint es, um das Elend des eigenen Daseins und die Verrohung der Gesellschaft zu ertragen. (programmkino.de)
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Do. 21:00
GREEN BOOK - Eine besondere Freundschaft  OmU
USA 2018, 130 Min., Regie: Peter Farrelly
mit Viggo Mortensen, Mahershala Ali
Höchst vergnügliches und oscar-prämiertes Buddie-Road-Movie auf Miss Daisy's Spuren durch den rassistischen Süden der U.S.A.
Trailer zu GREEN BOOK - Eine besondere Freundschaft
Weiterlesen... Wir können auch anders, dachte sich Regisseur Peter Farrelly, dem gemeinsam mit Bruder Bobby vor zwanzig Jahren der ganz große Comedy-Coup „Verrückt nach Mary“ gelang. Die derben „Dumm und Dümmer“-Späße sind vorbei, auch der Bruder fehlt aus familiären Gründen diesmal auf dem Regiestuhl. Sein Solo-Debüt widmet Farrelly einer wahren Geschichte aus den 60er Jahren. Der sonderbare Titel verweist auf ein beschämendes Zeitdokument des alltäglichen Rassismus: „Green Book“ hieß einst jener bis 1966 jährlich erscheinende Reiseführer für Afroamerikaner, der Unterkünfte in den USA empfahl, in der auch Schwarze geduldet waren.
Dem Italo-Amerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen in einer Glanzparade) macht keiner so schnell etwas vor. Mit kleinen Tricks verschafft er sich zielsicher das Wohlwollen einflussreicher Gäste in jenem Club, in dem er als Türsteher tätig ist. Resolutes Auftreten oder ein paar Faustschlägen sorgen bei weniger wichtigen Gäste für Respekt. Als der Club vorübergehend schließt, braucht Tony dringend einen neuen Job. Wie passend, dass Doktor Shirley gerade einen Chauffeur sucht. Etwas verwundert reagiert der Ex-Türsteher, als das Vorstellungsgespräch in der Carnegie Hall stattfinden soll. Noch mehr verblüfft ihn, dass es sich um gar keinen Mediziner handelt, sondern um den Star-Pianisten Dr. Don Shirley (Mahershala Ali). Ausgerechnet Tony soll für einen Afroamerikaner arbeiten? Hat er doch gerade noch in seinem Haus die benutzten Gläser der schwarzen Handwerker angewidert im Müll entsorgt. Doch zweitens ist der Lohn verlockend. Und erstens drängt Gattin Dolores ihn zum neuen Job – da hat der italienische Macho keine Wahl.
Dem ungleichen Duo steht eine zweimonatige Konzerttour durch den tiefsten Süden bevor. Die türkisfarbene Limousine wird schnell zum Schauplatz diverser Scharmützel zwischen dem ruppigen Chauffeur und seinem vornehmen Fahrgast- „Macht keinen Spaß, so klug zu sein!“, quittiert Tony die nachdenkliche Art von Don. Umgekehrt nimmt er gerne dessen Hilfe an, wenn es um poetische Liebesbriefe an Dolores geht. Mit jedem zurückgelegten Kilometer finden die beiden ein bisschen näher zueinander. Und wehe, seinem Schützling drohen rassistische Rowdys Prügel an oder Cops zücken die Handschellen – dem Chauffeur ist nichts zu schwer. Gegen die strukturelle Diskriminierung kann freilich auch Toni nichts ausrichten. Seien es die vornehmen Gastgeber, die ihrem Konzertstar die Toilette im Haus vorweigern. Kleidergeschäft, wo Schwarze ihre Anzüge nicht anprobieren dürfen. Oder ein Nachtfahrverbot für Afroamerikaner. Don Shirley lässt sich von all den Schikanen nicht beeindrucken: „Würde siegt immer!“ lautet seine Parole. Bisweilen freilich kann auch ein Anruf bei Kennedy höchstpersönlich nicht schaden.  
Regisseur und Koautor Peter Farrelly gelingt mit diesem warmherzigen, lakonisch komischen Antirassismus-Drama ein Film mit Klassiker-Qualitäten. Das ungleiche Paar ist psychologisch plausibel und ebenso pointenstark entwickelt. Mahershala Ali („Moonlight“) verleiht dem sensiblen Pianisten charismatischen Glanz. Derweil Viggo Mortensen als gutherzige Quasselstrippe dem Affen mit sichtlichem Vergnügen reichlich Zucker geben darf. Intellektuell mag das Arbeiterkind aus der Bronx kaum glänzen. Was Haltung und Werte anlangt, stellt er sie alle mit nonchalanter Selbstverständlichkeit in den Schatten: Die bigotten Bonzen in ihren feinen Villen. Die homophoben Cops. Die ehrenwerten Ladenbesitzer mit diskriminierendem Geschäftsmodell. Rasse, Bildung und Klasse sind für Toni keine Hürden. Zumindest keine, die von dem leidenschaftlichen Food-Fan mit einem Kentucky Fried Chicken-Menü nicht überwunden werden könnten. 
Politisches Aufklärungskino, das ausgesprochen vergnüglich und bewegend ausfällt: Nie war es so wertvoll wie heute. (programmkino.de)
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