Am 23.2. im Kinoptikum

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Sa. 15:30
ERNEST & CELESTINE
KinderKino – F/B/LUX 2012, 80 Min., Regie: Stéphane Aubier, Vincent Patar
Mäuse und Bären können doch Freunde sein!
Trailer zu ERNEST & CELESTINE
Weiterlesen... Mäuse und Bären können keine Freunde sein. Die Mäusekinder im Internat tief unter der Erdoberfläche lernen dies schon von klein auf. Nur die Waise Célestine will nicht so recht an die Geschichte vom großen, bösen Bären glauben, die ihr immer wieder erzählt wird. Sie würde gerne einmal einen Bären kennen lernen. Und tatsächlich scheint der Bär, der ihr da plötzlich gegenübersteht, erst einmal sehr gefährlich zu sein. Denn Ernest ist furchtbar hungrig. Weil Célestine ihm aber einen Keller voller Süßigkeiten zeigen kann, verschont er die kleine Maus. Die beiden werden zu besten Freunden. Ausblenden

Sa. 18:30
TOUCH ME NOT
D/CS/BG/F 2017, 125 Min., Regie: Adina Pintilie
mit Laura Benson, Tómas Lemarqui
Eine außergewöhnliche und buchstäblich berührende Kinoerfahrung voll seelischer wie körperlicher Intimität.
Trailer zu TOUCH ME NOT
Weiterlesen... Adina Pintilies Touch Me Not ist nicht einfach ein Film. Es ist eine Erfahrung. Und eine so intime und so tiefgründige, dass man das Kino entweder frühzeitig verlässt, weil man die Macht dieser Intimität nicht ertragen kann, oder man bleibt bis zum Ende auf die Gefahr hin, dass man das Werk und die Fragen, die es sich stellt, noch lange mit sich herumtragen wird und diese vielleicht sogar ganz fundamentale Änderungen nach sich ziehen.
Touch Me Not ein besonderes Werk und das gleich aus mehreren Gründen. Zuerst ist da der Aufbau. Der Film ist ein Hybrid aus Film, Theater, Performance. Ein Teil der Erzählung rund um die drei Hauptfiguren Laura (Laura Benson), Tómas (Tómas Lamarquis) und Christian (Christian Bayerlein) ist fiktiv, die anderen Teile bestehen aus dem ehrlichen Zeigen und Ausloten der Leben  und Gefühle der SchauspielerInnen selbst, die hier die Figuren zu gleichen Teilen formen. So spielt Laura nicht Laura. Sie ist Laura, eine Frau in ihren 50ern, die ihre eigenen Fragestellungen, ihren eigenen Körper erforscht, wenn auch mitunter in einer fiktiven Handlung. Doch diese wird immer wieder von performativen oder rituellen Akten unterbrochen, die zusammen mit Menschen verübt werden, die sich darauf spezialisiert haben, anderen zu helfen, ihre Sexualität zu erforschen. Da ist Hanna (Hanna Hofmann), eine trans* Sexarbeiterin, die Laura mit Hilfe von Brahms und ihrer charmanten, offenen Art beibringt sich zu öffnen. Da ist Seani (Seani Love), der ihr mit somatischer Körpertherapie und rituellen Akten einen Weg zu ihrem Körper und ihren Ängsten eröffnet. Diesen Sessions wohnt man als Publikum bei. Sie sind intim, ehrlich und in ihrer Offenheit hebeln sie jegliches Schamgefühl aus und erlauben auch dem Publikum eine Öffnung zu finden, die eine Verbindung zum filmischen Geschehen, aber auch zu sich selbst herstellt.
Ganz ähnlich funktionieren auch die Szenen zwischen Tómas und Christian. Auch hier stehen somatische Erfahrungen im Mittelpunkt. Tómas erforscht Christians Körper - ein Körper, den man so im Kino so gut wie nie zu sehen bekommt, geschweige denn nackt und mit solch einer entwaffnenden Offenheit. Christian hat Spinale Muskelatrophie. Sein Körper entspricht nicht der Norm. Christian ist körperlich beeinträchtigt, er selbst kann sich nicht bewegen. Allein sein Dasein in Touch Me Not ist, so traurig es ist, das zu sagen, eine Sensation. Doch dabei belässt er es nicht. Seine Offenheit erlaubt einen Zugang, der sonst den meisten verschlossen ist - weil sie nie auf die Idee kämen, sich für einen Körper (und einen Menschen) mit Beeinträchtigung zu interessieren.
Adina Pintilie erlaubt hier nicht nur einen Einblick in Körper, die das Kino gern ausschließt oder entsexualisiert - eine ältere Frau mit Krampfadern, einen Mann mit Muskelschwund etc. -, sie arbeitet damit. Touch Me Not ist nicht interessiert an Voyeurismus oder dem Zur-Schau-Stellen. Nie entsteht das Gefühl, etwas Respektlosem, Ausbeutendem beizuwohnen. Der Film zeigt vielmehr etwas tief Menschliches, das sie entblößt. Nicht mit Angst, sondern aus Neugier heraus und aus dem Wunsch nach mehr Freiheit, mehr Erkenntnis. Es geht um Transformationen, um das Verkörpern des wahren Selbst und das macht auch vor der Regisseurin nicht halt. Auch sie teilt sich mit, auch sie ist im Film zu sehen. Immer wieder hält das Werk inne und Regisseurin und DarstellerInnen befragen sich selbst. Wie geht es ihnen? Ist das noch in Ordnung, was hier geschieht? Was für Erkenntnisse kann man ziehen? Es ist vor allem diese Ebene der Introspektion, die dem Werk, seinen Figuren und dem Publikum eine tiefe Seelenprüfung erlaubt und gleichzeitig immer wieder sicher stellt, dass alle Beteiligten immer noch einwilligen in diese wunderbar seelen-nackte Experiment.
Und es trifft den Kern vieler von uns in einer Zeit, die hyperkomplex und gleichsam so seltsam entkörperlicht ist. Wir alle wollen berühren und berührt werden, doch die Hemmschwellen, die Ängste, sie sind groß. Die gemeinsame Suche, auf die Touch Me Not sein Publikum einlädt, ist daher umso fundamentaler und gleichsam eine philosophische wie eine körperliche.
Umso bewundernswerter also die Arbeit, die alle Beteiligten hier hineinstecken, die Offenheit, mit der sie nicht nur ihre Körper, sondern vor allem ihre Seelen entblößen, und dies nicht nur auf visueller Ebene. Hier ist vor allem berührend, in welcher klaren und ehrlichen Kommunikation sie miteinander stehen. Selbst Sätze, die schwer fallen, die in ihrer Ehrlichkeit vielleicht brutal erscheinen, werden ausgesprochen. Und nich nur das: In einer Zeit von Hasskommentaren und Sofort-Abwertungen ist das Erstaunliche, ja fast schon revolutionäre, dass sie dankend angenommen werden.
All dies gießt Pintilie in helle, oftmals relativ leere Bilder, die viel mit Weiß und Weißraum spielen, ganz so, als wollten sie nicht ablenken vom eigentlichen Geschehen und genügend Raum geben für all die Dinge, die hier geschehen und erforscht werden.
Touch Me Not ist ein Selbstfindungstrip. Als Film ist er aber auch ein mutiges, experimentelles Werk, das Themen, Menschen, Körper und Emotionen ins Kino bringt, die man sonst niemals sieht. Allein deswegen ist er es schon, wert gesehen zu werden. Und wer weiß, vielleicht ist da ja noch mehr. (kino-zeit.de)
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Sa. 21:00
WIDOWS - Tödliche Witwen  OmU
USA/GB 2018, 129 Min., Regie: Steve McQueen
mit Viola Davis, Michelle Rodriguez, Elizabeth Debicki
Der aus der Not geborene Beutezug drei "Tödlicher Witwen" - starkes Kino zwischen Heist-Movie und Sozialdrama.
Trailer zu WIDOWS - Tödliche Witwen
Weiterlesen... Oh, Widows. Das ist einer dieser Filme, die man nicht kommen sieht. Die einen nach dem Kino noch begleiten, durch die kleinen Momente, deren ganze Tragweite einem erst dann aufgehen, wenn man schon wieder zuhause sitzt. Dass Steve McQueen (12 Years a Slave) keinen klassischen 08/15-Heist-Film machen würden, in dem die Männerrollen im allzu beliebten Hollywood-Gimmick namens „Gender-Swap“ einfach ausgetauscht würden, war zu erwarten. Doch was ist es, was er hier auffährt?
Die Grundkonstellation der Widows, der Witwen, die dem Film den Namen geben, ist einfach erklärt. Basierend auf der gleichnamigen englischen Serie aus den 1980er Jahren folgen wir Veronica Rawlins (Viola Davis), die einen doppelt harten Schlag hinnehmen muss: Ihr geliebter Mann Harry (Liam Neeson) ist bei einem seiner Raubzüge ums Leben gekommen. Er und seine Komplizen sind in ihrem Auto verbrannt. Und mit ihnen ein paar Millionen Dollar, die sie gerade dem afroamerikanischen Lokalpolitiker Jamal Manning (Brian Tyree Henry) abgenommen hatten. Dessen Schergen erpressen Veronica nun. Sie hat einen Monat Zeit, das Geld aufzutreiben. Doch Veronica hat kein Geld. Auch wenn es von außen so aussieht, als wäre die selbstbewusste Frau gut betucht, so stellt sich schnell heraus, dass sie abhängig war von ihrem Mann. Die Ehe: geborgtes Glück, geborgte Sicherheit. Denn alles gehört Harry. Selbst der Hund. Nur ein Notizbuch kann ihr weiterhelfen. In diesem hatte Harry seinen nächsten Coup schon im Detail skizziert. Und so sucht Veronica die Witwen der anderen Männer auf: Sie will diesen Coup selbst durchziehen und braucht Hilfe.
Bei zwei dieser drei Frauen stößt sie auf offene Ohren. Oder besser: auf ähnlich existenzgefährdende Situationen wie ihre eigene. Linda (Michelle Rodriguez) muss ihre beiden Kinder jetzt allein durchkriegen und verliert ihre Einkommensquelle, da ihr Mann vor seinem Tod ihr Modegeschäft wegen Wettschulden verkauft hat. Alice (Elizabeth Debicki) wird wiederum von ihrer Mutter faktisch dazu gezwungen, ins Escort-Geschäft einzusteigen, denn als große, blonde, schöne Immigrantin ist das das Beste, was sie zur Überbrückung machen kann. Die Frauen haben nichts mehr zu verlieren außer ihr Leben und ihre Würde. Also machen sie sich in klassischer Heist-Film-Manier daran, den Überfall vorzubereiten. Pläne werden geschmiedet, Waffen besorgt, eine Fluchtfahrerin engagiert.
Doch halt. So klassisch, wie Widows daherkommt, ist er nicht. Fein eingewebt in diese typischen Heist-Film-Strukturen finden sich Themen und Bilder, die vor allem eines sind: sozialkritisch. Allein der Ort der Handlung vermag dies zu vermitteln: Chicago ist ein heißes Pflaster, historischer Ort starker Rassenunruhen und eine der gefährlichsten, tödlichsten Städte der USA. Hier sieht man die Trennung nach Hautfarben besonders stark. In den schmucken Vororten leben die gut betuchten Weißen. So wie Jack Mulligan (Colin Farrell), der gegen Jamal Manning in den Lokalwahlen antritt. Jacks Familie hat diese seit mehreren Generationen gewonnen, doch so einfach ist es jetzt nicht mehr. Die Unterdrückten emanzipieren sich.
Es sind die kleinen Geschichten, die in den Rissen der Handlung oftmals mit nur ein, zwei Sätzen, ein paar Bildern, Gesten und Verweisen erzählt werden, die den Film besonders machen. Wie Alices Beziehung zu ihrem bald in Flammen aufgehenden Freund, die nur kurz bei einem Gespräch am Küchentisch zu sehen ist. Ein paar Sätze, eine Geste, wie er sie am Arm packt, sie auf den Boden schaut, zusammen mit etwas in ihrem Gesicht, das aussieht wie ein verblassendes, blaues Auge. Das genügt, um zu erklären, dass Alice in einer gewalttätigen Beziehung ist. Ganz oft spielt McQueen mit diesen Minimalismen, die ganze Welten erzählen, vorausgesetzt man hat als Zuschauer selbst Zugang zu diesen. Denn die stärkste (film)politische Transgression erlaubt sich McQueen, indem er nicht wie üblich aus einem Blickwinkel der in der Filmkunst stets imaginierten „sozialen Mitte“ heraus erzählt. McQueens neuer Film ist keine Geschichte, die vor allem Männer, vor allem Weiße und vor allem Menschen mit Geld bevorzugt und deren kulturelle Prägung und deren soziale Hierarchien und das damit verbundene Wissen voraussetzt. Widows erzählt durch eine soziale Erfahrungsmatrix der Marginalisierten, also der Frauen, der Nicht-Weißen, der Armen, kurzum der Nicht-Privilegierten und deren Erfahrungswelt, die im ganz Kleinen und im ganz Großen aus Gewalt, Enteignungen und Entwertung besteht. Widows ist ein Film, der auf den ersten Blick für alle funktioniert, doch in ihm stecken noch zahlreiche Geschichten, die in ihre Subtilität nur die verstehen, die wissen, worauf sie achten müssen.
Am auffälligsten ist dies vielleicht in einer ganz einfachen Szene: Jack Mulligan fährt aus einer ärmeren Gegend Chicagos nach einem Wahlkampfauftritt in seiner Limousine nach Hause zurück. Im Auto streitet er mit seiner Assistentin, die ihm sagt, er solle seinen Scheiß mal zusammenkriegen. Währenddessen lamentiert er, dass er gar kein Politiker sein will und sich gefangen fühlt. Man würde hier eine Kamera im Inneren des Autos erwarten, doch McQueen montiert sie auf der Haube. Sie protokolliert das schwarze Auto, wie es auf kaputten Straßen an kaputten Häusern vorbeizieht, die klein und braun und eingefallen sind. Und je länger die Fahrt dauert, desto größer werden die Häuser, desto besser werden die Straßen, bis der Wagen am Ende bei einer großen, weißen Villa, Jacks Zuhause, hält. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten, so nah sind diese sozialen Räume. Und doch so weit entfernt.
Neben diesen sozialen Räumen ist es aber vor allem McQueens erstaunlich präziser Blick auf intersektionelle Genderstrukturen, die er hier auslotet. Widows lebt von seinen No-Bullshit-Frauen, die sich nicht emanzipieren, weil das zur Zeit so in ist, sondern weil sie die Schnauze voll haben und endlich eine kleine Chance. Dies erinnert in seiner Essenz an Set It Off, doch Widows hat kein Interesse daran, klassisch-dramatische Strukturen zu bedienen, die den Protagonistinnen eine Chance vorgaukelt, nur um sie erst recht niederzumachen. Vielmehr zeigt sich alsbald, dass das Stehlen von richtig viel Geld eine wesentlich ungefährlichere Angelegenheit ist, als in dieser Welt als Frau zu leben und zu lieben. (kino-zeit.de)
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