Am 14.2. im Kinoptikum

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Do. 18:30
GEGEN DEN STROM
ISL 2017, 100 Min., Regie: Benedikt Erlingsson
mit Halldóra Geirharðsdóttir, Jóhann Sigurðarson
Der gewitzte Kampf einer unscheinbaren Umweltaktivistin in den grandiosen Panoramen Islands.
Trailer zu GEGEN DEN STROM
Weiterlesen... Nach außen ist Halla eine patente, liebenswürdige Frau in den besten Endvierziger-Jahren, die allein lebt und als Chorleiterin arbeitet. Doch der Eindruck täuscht, denn Halla führt ein geheimes Doppelleben. In ihrer Freizeit ist sie eine Umweltaktivistin, die einsam, mutig und zielstrebig die isländischen Berge durchstreift, um Stromleitungen zu zerstören. Der Grund: Sie will die Natur retten, indem sie gemeinsame Machenschaften von Politik und Wirtschaft bekämpft und dafür sorgt, dass der Verkauf der isländischen Aluminiumindustrie nach China gestoppt wird. Auch wenn sie sich vieler Sympathien in der Bevölkerung sicher sein darf – die Obrigkeit betrachtet sie als Bedrohung. Als Halla erfährt, dass sie nach vielen Jahren der Wartezeit tatsächlich ein Kind aus der Ukraine adoptieren darf, verstärkt sie ihre Aktivitäten. Sie veröffentlicht ein Manifest unter dem Pseudonym „Die Bergfrau“, Halla riskiert immer mehr, ihre Anschläge werden gefährlicher, und die Verfolger rücken näher. Bald setzen sich neben der lokalen Polizei auch Geheimdienste auf ihre Spur, von Hubschraubern und Drohnen verfolgt, kann sie nur mit Hilfe eines knorrigen Schafzüchters entkommen. Obwohl sie ihr Ziel erreicht hat, hört Halla nicht auf. Sie will „den Krieg gegen Mutter Erde stoppen“.
Spannung und Action, herrliche Bilder aus der ursprünglichen isländischen Bergwelt, eine Erzählweise, die bei allem Tempo und Schwung gelassen bleibt. Dazu eine wunderbare Hauptdarstellerin, Halldóra Geirharðsdóttir, die sehr sportiv mit Pfeil und Bogen als weiblicher Robin Hood die Wildnis durchstreift, eine arktische Schwester der Göttin Artemis … das ist Abenteuer pur und wirklich sehr, sehr gut gemacht. Halldóra Geirharðsdóttirs darstellerisches Repertoire ist beachtlich, sie überzeugt als rechtschaffene, liebenswürdige Chormusikerin, flotte Dame und Naturkind zugleich, als zu allem entschlossene Guerillakämpferin und Beschützerin der Natur. Dabei leistet die Schauspielerin Unglaubliches, nicht nur körperlich, als grazile Bogenschützin oder als geschickte Läuferin. Sie gibt der mutigen Aktivistin zudem eine gewisse Ambivalenz. Sobald die Spirale der Gewalt in Bewegung gesetzt ist, woran sie selbst nicht ganz unschuldig ist, wird es für sie sichtbar anstrengender, für das Gute zu kämpfen. Wem nützt ihr Einsatz eigentlich? Die Falte zwischen ihren Augen vertieft sich, der Blick wird finster, doch die Entschlossenheit bleibt und wächst sogar.
Zusätzlich spielt Halldóra Geirharðsdóttir auch Hallas Zwillingsschwester Ása, eine Yogalehrerin auf der lebenslangen Reise nach innen, was sie mit ironischer Spielfreude bewältigt. Das Auftauchen der Zwillingsschwester ist nur eine von vielen Auffälligkeiten im Drehbuch, die jedoch eher schrullig bis liebenswert wirken und den insgesamt märchenhaften Charakter des Films verstärken. Wenn Halla mit Pfeil und Bogen eine Drohne vom Himmel holt, dann ist das vielleicht nicht sehr wahrscheinlich, aber ebenso wirkungsvoll wie symbolträchtig: Aus der Aktivistin wird die Jagdgöttin, die den Kampf gegen eine bis an die Zähne bewaffnete Übermacht auf ihrem ureigenen Terrain ausficht.
Ein besonders auffälliges Stilmittel ist der Musikeinsatz, denn Halla wird im wörtlichen Sinn von Musik begleitet. Ein Trio mit Schlagzeug, Tuba und Akkordeon ist stets in ihrer Nähe. Als quasi griechischer Chor zitiert er – wie das Artemis-Motiv – antike Muster, drei singende Frauen in ukrainischer Tracht gesellen sich später dazu. Das Timing ist dabei absolut perfekt. Dies zeugt dann unbedingt nicht nur vom handwerklichen Können, sondern auch vom Witz des Filmemachers, der, wie in „Von Menschen und Pferden“, mit Zitaten und Andeutungen spielt. Der Einsatz der Musiker erinnert an den Komödienklassiker „Blazing Saddles“, wo das Count Basie-Orchestra mitten in der Prärie den Gala-Auftritt des neuen Sheriffs satirisch überhöht. Einige Kamerafahrten scheinen hingegen Hitchcock zu zitieren. Außerdem handeln wieder einige Gags von den diversen Marotten isländischer Ureinwohner und von ihrer provinziellen Grundhaltung. Dazu gehört auch ein bärbeißiger Landmann, der seinen Hund „Frau“ nennt – „Bauer sucht Frau“ mal ganz anders! Und regelmäßig wird statt Halla derselbe dunkelhäutige Tourist verhaftet, während sie knapp ihren Verfolgern entkommt. Ebenso regelmäßig wird er mit den Worten „Willkommen in Island“ wieder aus der Haft entlassen. Manches ist also boshaft, manches ganz offen symbolträchtig, wie die Verbindung zur griechischen Mythologie, und vieles ist gewürzt mit einer guten Portion staubtrockenen Humors. Dann trifft mediterrane Poesie auf den Charme selbstgestrickter Islandpullover. (programmkino.de)
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Do. 20:30
THE HOUSE THAT JACK BUILT
Cinema Obscure – DK/F/D 2018, 155 Min., Regie: Lars von Trier
mit Matt Dillon, Bruno Ganz, Uma Thurman
Das grauslige Werk eines "American Psycho" als therapeutische Analyse von Kunst und Gesellschaft. Nichts für Zartbesaitete!
Trailer zu THE HOUSE THAT JACK BUILT
Weiterlesen... In den späten 70er Jahren lebt und mordet Jack (Matt Dillon) im Nordwesten der USA. Mit seinem Wagen fährt er durch die Gegend, nimmt manchmal eine Anhalterin (Uma Thurman) mit, der er den Schädel einschlägt, erschießt eine Affäre (Sofie Gråbøl) und deren zwei kleine Söhne und bewahrt deren – und all die anderen Leichen – in einem Warenhaus auf, wo er sie zur Erfüllung einer perfiden architektonischen Vision benutzt.
Denn Jack hat einst davon geträumt, Architekt zu werden, doch dazu hat er es nicht geschafft, ein Scheitern, dass ihn anzutreiben scheint, dass seine Gedanken füllt, seinen Hass. Von all dem erzählt er einem Mann, der lange Zeit nur als Stimme existiert, die Stimme von Bruno Ganz, dem Jack seine Geschichte erzählt (oder beichtet), ein Mann, der sich als Führer durch die Unterwelt herausstellt, als Jacks Vergil.
Spätestens wenn dieser Name fällt dürfte klar sein, was Lars von Trier in seinem neuen Film erzählt: Sein Jack ist Dante, der von Vergil in die Unterwelt geführt wird, wo er mit den Folgen seiner Taten konfrontiert wird. Der kleine, feine Unterschied ist nur, dass es bei von Trier im Gegensatz zu Dantes „Göttlicher Komödie“ keinen Ausweg aus der Unterwelt gibt, kein Paradies, in dem die holde Beatrice wartet, keine Erlösung.
Selten jedoch war die Hölle im Kino so atemberaubend schön, wie in den letzten Minuten von „The House that Jack built“. Hier zeigt von Trier einmal mehr seine ganze Klasse, aber auch seine Lust an der Provokation, an radikalen Ideen, die mal provozieren, mal ins zynische, plakative abzudriften drohen. Gerade da sein Film in Cannes Premiere hatte kann man nicht anders, als an das Ereignis zurückdenken, dass vor ein paar Jahren, als von Trier „Melancholia“ an der Croisette präsentierte, einen Skandal auslöste und ihn für kurze Zeit zur persona non grata werden ließ: Damals hatte von Trier bei der Pressekonferenz in einem wilden Redefluss ein gewisses Verständnis für Hitler gezeigt, bzw. eine Formulierung benutzt, die missverstanden werden konnte – und natürlich auch wurde.
Hier ist es nun Jack, der in einer seiner vielen analytischen Passagen, in denen er über sich, sein Wesen, seine Ziele und Träume räsoniert, auch über die Architektur, also die Kunst des Faschismus spricht, unterlegt mit rasant geschnittenen Bilder von den Machtbauten der Nazis. Die Frage, die aufgeworfen wird, ist einfach: Muss man diese Gebäude verachten, weil sie im Namen eines menschenverachtenden Systems entstanden sind? Oder stehen sie – steht die Kunst – für sich, unabhängig von der Person oder dem System dahinter?
Gerade von Trier selbst wurde im Laufe seiner Karriere immer wieder vehement angegriffen, wurde als frauenfeindlich bezeichnet, weil er in seine Filmen Figuren zeigte, die frauenfeindlich waren, wurde auf oft naive Weise mit der Welt gleichgesetzt, über die er in seinen Filme erzählte. Ein wenig mutet „The House that Jack built“ nun an wie der Film von einem Mann, von einem Künstler, dem inzwischen alles egal ist, der bewusst provoziert, der möglichst harte Bilder zeigen, der schockieren will. All dies droht immer wieder die Komplexität der Gedankenwelt von Triers zu überschatten, der seine Filme zunehmend analytisch aufbaut: Schon „Nymphomaniac“ war von einem Zwiegespräch geprägt, einer ausufernden Diskussion, die nicht zufällig wie ein Gespräch zwischen Therapeut und Patient wirkte. Inwieweit sich von Trier selbst in seine Filme einbringt, ist eine von außen kaum zu beantwortende Frage, angesichts der vielfältigen Bezüge zu seiner Person, den Ideen, die seine Filme durchziehen, den Vorwürfen, die gegen ihn vorgebracht werden, mutet „The House that Jack built“ jedoch immer wieder an wie Kino als autobiographische Psychotherapie. Wie dem auch sei: Radikaleres, ungewöhnlicheres, eigeneres wird man dieses Jahr im Kino in jedem Fall kaum zu sehen bekommen. (programmkino.de)
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