Am 12.2. im Kinoptikum

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Di. 18:30
DIE ERSCHEINUNG  frz. OmU
L'apparition – F 2017, 137 Min., Regie: Xavier Giannoli
mit Vincent Lindon, Galatea Bellugi
Neues aus Braunschlag: Ein Thriller der leisen Art zwischen Glaube, Wahrheit und Lüge.
Trailer zu DIE ERSCHEINUNG
Weiterlesen... Gerade erst musste der renommierte Journalist und Kriegsberichterstatter Jacques Mayano (Vincent Lindon) mitansehen, wie sein langjähriger Kollege, der Bildreporter Christophe, an einem der globalen Krisenherde (vermutlich in Syrien) getötet wurde. Zurück in Frankreich sind seine psychischen Wunden noch längst nicht verheilt, als ihn ein Anruf aus dem Vatikan ereilt, dessen Tragweite er erst begreift, als er nach Rom reist und dort den potentiellen Auftraggeber, den Vorsitzenden der Glaubenskongregation, trifft.
Denn der messerscharf analysierende und absolut integre Mayano soll als Bestandteil eines Teams im Auftrag der katholischen Kirche eine angebliche Marienerscheinung im Südosten Frankreich untersuchen, die vor Ort bereits für einige Wellen gesorgt hat. Längst kommen zahlreiche Pilger in den Ort, in dem die 18-jährige Anna (Gallatéa Bellugi) die Mutter Gottes gesehen haben will. Die Situation ist für den Vatikan bereits außer Kontrolle – und so soll der Untersuchungsausschuss klären, ob es sich hier womöglich tatsächlich um ein Wunder handelt oder doch um etwas ganz anderes.
Unterstützt von seinem Team, das aus mehreren Priestern, aber auch einer Psychiaterin besteht, begibt sich der nicht gläubige Mayano auf Spurensuche. Und wie die Gläubigen, so ist auch er fasziniert von der streng gläubigen Anna. Zugleich stößt er aber auf Ungereimtheiten, lose Enden und rätselhafte Zeichen, die ein Indiz dafür sein könnte, dass hier etwas nicht stimmt. Vor allem aber scheint es, als habe die ganze Angelegenheit viel mehr mit ihm selbst zu tun, als er das für möglich hielt. Wie soll er unter diesen besonderen Umständen überhaupt die kritische Distanz wahren, die dafür nötig ist? Und dann ist da noch Anna, die unter der Last der Erscheinung immer mehr zu schwindet scheint, die sich auflöst in dem, was ihr widerfahren ist. Oder gibt es für all das vielleicht doch eine andere Erklärung?
L’apparition - Die Erscheinung ist ein Thriller der leisen Art, der dennoch dank seiner interessanten Figuren und komplexen Fragestellungen über weite Stellen zu fesseln vermag. Neben dem sowieso über fast jeden Zweifel erhabenen Vincent Lindon ist es vor allem Gallatéa Bellugi, deren stille Präsenz dem Film vieles von seiner Überzeugungskraft gibt. Ihr Spiel versteht es, das Bild einer jungen Frau zu zeichnen, die zutiefst religiös ist, aber zugleich auch ein Geheimnis vor der Welt versteckt, das es zu ergründen gilt. Das Spannungsverhältnis zwischen Anna und Mayano sowie die Undurchsichtigkeit zahlreicher Nebenfiguren wie jener des deutschen Priesters Anton Meyer (Anatole Taubmann) verleihen dem Film trotz einiger Längen Spannung und sorgen immer wieder für überraschende Wendungen, die eher an einen guten Detektivfilm als ein Drama über Religion und Wahrheit denken lassen.
Größtenteils untermalt von der betörenden Musik Arvo Pärts gelingt Giannoli mit seinem Film ein großer Wurf, der versucht, die Magie des Unsichtbaren und des Mysteriums zu ergründen, der Trauer und Verlust, tiefe Hingabe und kritische Distanz, persönliches Trauma und mediale Wirksamkeit miteinander verbindet – und der nicht dem Trugschluss erliegt, auf all diese Fragen auch Antworten liefern zu müssen. Neben vielem anderen liegt wahrscheinlich hierin die größte Stärke dieses Films. (kino-zeit.de)
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Di. 21:00
GEGEN DEN STROM
ISL 2017, 100 Min., Regie: Benedikt Erlingsson
mit Halldóra Geirharðsdóttir, Jóhann Sigurðarson
Der gewitzte Kampf einer unscheinbaren Umweltaktivistin in den grandiosen Panoramen Islands.
Trailer zu GEGEN DEN STROM
Weiterlesen... Nach außen ist Halla eine patente, liebenswürdige Frau in den besten Endvierziger-Jahren, die allein lebt und als Chorleiterin arbeitet. Doch der Eindruck täuscht, denn Halla führt ein geheimes Doppelleben. In ihrer Freizeit ist sie eine Umweltaktivistin, die einsam, mutig und zielstrebig die isländischen Berge durchstreift, um Stromleitungen zu zerstören. Der Grund: Sie will die Natur retten, indem sie gemeinsame Machenschaften von Politik und Wirtschaft bekämpft und dafür sorgt, dass der Verkauf der isländischen Aluminiumindustrie nach China gestoppt wird. Auch wenn sie sich vieler Sympathien in der Bevölkerung sicher sein darf – die Obrigkeit betrachtet sie als Bedrohung. Als Halla erfährt, dass sie nach vielen Jahren der Wartezeit tatsächlich ein Kind aus der Ukraine adoptieren darf, verstärkt sie ihre Aktivitäten. Sie veröffentlicht ein Manifest unter dem Pseudonym „Die Bergfrau“, Halla riskiert immer mehr, ihre Anschläge werden gefährlicher, und die Verfolger rücken näher. Bald setzen sich neben der lokalen Polizei auch Geheimdienste auf ihre Spur, von Hubschraubern und Drohnen verfolgt, kann sie nur mit Hilfe eines knorrigen Schafzüchters entkommen. Obwohl sie ihr Ziel erreicht hat, hört Halla nicht auf. Sie will „den Krieg gegen Mutter Erde stoppen“.
Spannung und Action, herrliche Bilder aus der ursprünglichen isländischen Bergwelt, eine Erzählweise, die bei allem Tempo und Schwung gelassen bleibt. Dazu eine wunderbare Hauptdarstellerin, Halldóra Geirharðsdóttir, die sehr sportiv mit Pfeil und Bogen als weiblicher Robin Hood die Wildnis durchstreift, eine arktische Schwester der Göttin Artemis … das ist Abenteuer pur und wirklich sehr, sehr gut gemacht. Halldóra Geirharðsdóttirs darstellerisches Repertoire ist beachtlich, sie überzeugt als rechtschaffene, liebenswürdige Chormusikerin, flotte Dame und Naturkind zugleich, als zu allem entschlossene Guerillakämpferin und Beschützerin der Natur. Dabei leistet die Schauspielerin Unglaubliches, nicht nur körperlich, als grazile Bogenschützin oder als geschickte Läuferin. Sie gibt der mutigen Aktivistin zudem eine gewisse Ambivalenz. Sobald die Spirale der Gewalt in Bewegung gesetzt ist, woran sie selbst nicht ganz unschuldig ist, wird es für sie sichtbar anstrengender, für das Gute zu kämpfen. Wem nützt ihr Einsatz eigentlich? Die Falte zwischen ihren Augen vertieft sich, der Blick wird finster, doch die Entschlossenheit bleibt und wächst sogar.
Zusätzlich spielt Halldóra Geirharðsdóttir auch Hallas Zwillingsschwester Ása, eine Yogalehrerin auf der lebenslangen Reise nach innen, was sie mit ironischer Spielfreude bewältigt. Das Auftauchen der Zwillingsschwester ist nur eine von vielen Auffälligkeiten im Drehbuch, die jedoch eher schrullig bis liebenswert wirken und den insgesamt märchenhaften Charakter des Films verstärken. Wenn Halla mit Pfeil und Bogen eine Drohne vom Himmel holt, dann ist das vielleicht nicht sehr wahrscheinlich, aber ebenso wirkungsvoll wie symbolträchtig: Aus der Aktivistin wird die Jagdgöttin, die den Kampf gegen eine bis an die Zähne bewaffnete Übermacht auf ihrem ureigenen Terrain ausficht.
Ein besonders auffälliges Stilmittel ist der Musikeinsatz, denn Halla wird im wörtlichen Sinn von Musik begleitet. Ein Trio mit Schlagzeug, Tuba und Akkordeon ist stets in ihrer Nähe. Als quasi griechischer Chor zitiert er – wie das Artemis-Motiv – antike Muster, drei singende Frauen in ukrainischer Tracht gesellen sich später dazu. Das Timing ist dabei absolut perfekt. Dies zeugt dann unbedingt nicht nur vom handwerklichen Können, sondern auch vom Witz des Filmemachers, der, wie in „Von Menschen und Pferden“, mit Zitaten und Andeutungen spielt. Der Einsatz der Musiker erinnert an den Komödienklassiker „Blazing Saddles“, wo das Count Basie-Orchestra mitten in der Prärie den Gala-Auftritt des neuen Sheriffs satirisch überhöht. Einige Kamerafahrten scheinen hingegen Hitchcock zu zitieren. Außerdem handeln wieder einige Gags von den diversen Marotten isländischer Ureinwohner und von ihrer provinziellen Grundhaltung. Dazu gehört auch ein bärbeißiger Landmann, der seinen Hund „Frau“ nennt – „Bauer sucht Frau“ mal ganz anders! Und regelmäßig wird statt Halla derselbe dunkelhäutige Tourist verhaftet, während sie knapp ihren Verfolgern entkommt. Ebenso regelmäßig wird er mit den Worten „Willkommen in Island“ wieder aus der Haft entlassen. Manches ist also boshaft, manches ganz offen symbolträchtig, wie die Verbindung zur griechischen Mythologie, und vieles ist gewürzt mit einer guten Portion staubtrockenen Humors. Dann trifft mediterrane Poesie auf den Charme selbstgestrickter Islandpullover. (programmkino.de)
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